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Warum tust du dir das an?

Von Menschen, die keine Erfahrung mit Fasten haben, das
heisst, die noch nie für eine Woche vollständig auf Nahrung verzichtet haben, werde ich immer wieder gefragt: Warum tust du dir das an? Die Hintergründe dieser Fragen sind vielfältig: sie reichen von: ich esse zu gern, ich lass mich doch nicht einschränken in meinem Genuss bis zu Angst, eine Fastenwoche sei einfach nur eine Qual. Ich kann diese Reaktionen gut verstehen, wenn jemand noch keine Erfahrung mit Fasten hat.

Einen Zugang zum Fasten finden allenfalls Menschen, die sich mit den Ergebnissen der Forschung über das Fasten befassen. Wir wissen inzwischen sehr viel über die Abläufe im Körper während des Fastens.

Fasten ist eine uralte Geschichte, viel älter als die verschiedenen Arten des Fastens, die sich in den Religionen herausgebildet hatten. Vor den Methoden des Speicherns und Konservierens hatten die Menschen schlicht nicht immer Nahrung zur Verfügung. Sie lebten in einem Wechsel von Nahrungsfülle und Nahrungsmangel. In Zeiten der Fülle schlugen sie sich den Bauch voll und legten Polster an um die Zeiten des Mangels gut zu überstehen. Unseren Körpern ist dieser Rhythmus als Programm immer noch eingeschrieben. Wenn wir diesen Wechsel nicht mehr mitvollziehen, fehlen in unserem Körper wichtige Mechanismen der Erneuerung von Zellen. Ständiger Nahrungskonsum schadet letztlich unserem Körper.

Beim Fasten passiert nämlich folgendes:

Bereits nach einem Tag verändert sich der gewohnte Stoffwechsel, weil keine Nahrung von aussen kommt. Der Körper stellt auf innere Ernährung um. Er verbraucht zuerst die gespeicherten Kohlenhydrate, also Glykogen, diese Reserven reichen für einen bis eineinhalb Tage. Zusätzlich kommt die Autophagie ins Spiel. Dabei handelt es sich um ein raffiniertes Recyclingsystem des Körpers, das die Zellen von Defekten befreit. Man kann sich das so vorstellen, dass Zellmüll (gealterte, funktionslose oder falsch zusammengebaute Zellbestandteile) mit einer Hülle umgeben werden. Darin zerkleinern Enzyme diese Teile. Die Einzelbestandteile werden der Zelle wieder zugeführt und helfen beim Neuaufbau gesunder Zellbestandteile. Dieses Autophagie-Programm startet der Körper nach einer Nahrungspause ab 12 bis 18 Stunden, nach einem Fastentag also auf jeden Fall.

Periodisches Fasten über ein bis drei Wochen bringt nicht nur diese Vorgänge über einen längeren Zeitraum in Gang – ein Korrektiv für den gesamten Körper, vergleichbar mit einem „Großputz“. Zusätzlich stellt sich der gesamte Stoffwechsel um. Was das bedeutet: Dauert die Nahrungspause länger, ist Glykogen, also Zucker aufgebraucht, der vor allem vom Gehirn dringend benötigt wird. Nun kann der Körper aus bestimmtem Eiweiß Zucker herstellen. Das gelingt ihm vor allem aus dem Stützeiweiß (Bindegewebe) und in geringem Maße aus Muskeleiweiß. Allerdings sind die Quellen begrenzt, nicht alles Eiweiß darf aufgebraucht werden. Deshalb greift der Organismus auf Fettreserven zurück. Fett besteht aus Glycerin, das sich ebenfalls in Zucker umwandeln lässt, sowie aus Fettsäuren. Die Fettsäuren werden in Ketone zerlegt, mit denen das Gehirn seinen Energiestoffwechsel bedienen kann – statt mit Zucker. Die Fettreserven des Körpers reichen bei den meisten Menschen für viele Wochen.

Die Erforschung dieser Mechanismen im Körper hat auch dazu geführt, dass das Intervallfasten sich einer immer grösseren Beliebtheit erfreut. Wie oben beschreiben treten die Effekte schon nach 12 Stunden ein. Viele essen deshalb nur während 8 Stunden am Tag und verzichten während 16 Stunden auf Nahrungsaufnahme. Die Wirkungen sind gut erforscht. Es gibt deshalb auch bei bekannten und erfolgreichen Gesundheitscoaches die Tendenz, das Fasten über mehrere Tage als mühsame und unnötige Praxis zu betrachten.

Einen Überblick über verschiedene Methoden des Fastens findest du hier

Wenn ich die Wirkungen auf den Körper und auch die Effekte eines gesunden und fitten Körpers auf die Psyche betrachte, dann gebe ich dieser Wertung recht. Doch für mich hat Fasten weitere wichtige Aspekte als nur einen körperlichen. Aus spiritueller Sicht hat Fasten drei Dimensionen.

Körperliche Dimension

«Der Verzicht nimmt nicht. Er gibt. Er gibt die Grösse des Einfachen.» Martin Heidegger

Seit Jahrhunderten wird Fasten als natürliches Heilverfahren zur Schonung und Regenerierung betrachtet, das ganzheitliches Wohlbefinden fördert. Wenn dem Körper keine Nahrung mehr zugeführt wird und er zur Energiegewinnung keine Kalorien von aussen erhält, greift er auf seine eigenen Energiereserven zurück. Körper und Seele stellen auf «innere Ernährung» um und die Leber beginnt, die Fettreserven im Körper zur Energiegewinnung heranzuziehen. Der Magen-Darm-Trakt erhält seine verdiente Ruhe vom kraftraubenden Verdauungsprozess. Dadurch stellt sich ein Gefühl von Leichtigkeit ein.

Fasten sensibilisiert also für die Frage, was meinem Körper wirklich gut tut!

Spirituelle Dimension

«Was die Augen für die äussere Welt sind, ist das Fasten für die innere Welt.» Mahatma Gandhi

Die spirituelle Dimension zeigt sich im Fasten durch einen leichteren Zugang zu einem anderen Bewusstseinszustand, der in allen grossen Weltreligionen angestrebt wird. Fastende vermögen ansatzweise in ein Gefühl der tiefen Verbundenheit zu gelangen. Dabei können auch alte Verhaltensmuster aufgebrochen werden. Fasten wirkt so der verbreiteten Hoffnungslosigkeit und Resignation entgegen. Die spirituelle Herausforderung besteht darin, diesen freien Raum wachsen zu lassen. Oft entsteht daraus eine harmonische Stimmung – bis hin zu Glücksgefühlen.

Fasten sensibilisiert also für die Frage, was mich wirklich zufrieden macht.

Soziale Dimension

«Wir wissen zwar, dass wir nach dem Fasten wieder essen können, doch können wir uns leichter vorstellen, wie Hungernde leiden müssen.» Niklaus Brantschen

Fasten macht offen für die Not des Anderen. Menschen, die fasten, neigen dazu, sich gegenseitig zu unterstützen und toleranter miteinander umzugehen. Für uns ist Fasten ein freiwilliger Verzicht. Weltweit gesehen steht Fasten aber oft in Bezug zu Hunger. Fasten hat also eine eminent gesellschaftspolitische Dimension. Nicht zuletzt ist es eine Praxis, die Mahatma Gandhi wie auch Martin Luther King auf ihrem Weg der Befreiung geführt und genährt hat. Auch heute kann Fasten eine Wirkung entfalten. Sei es im Kleinen, durch feinfühligere Wahrnehmung des Nächsten oder im Grossen, durch einen Gesellschaftswandel zu einem bewussten Umgang mit unserer Nahrung und überhaupt einem nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen. In Zeiten der Klima- und Flüchtlingskrisen können wir unsere Prioritäten neu definieren.

Fasten sensibilisiert also für die Frage, wie wir ein Leben in Verbundenheit, Verantwortung und Gerechtigkeit gestalten können.

1 Anwort auf „Warum tust du dir das an?“

Vielen herzlichen Dank für diese Ausführungen lieber Meinrad. Wenn ich von unserem Auslandaufenthalt zurück komme werde ich die Zeit der Quarantäne ganz bewusst zum Fasten einsetzen. Diese Einführung bringt mich ins richtige Verständnis. In Gedanken begleite ich euch jetzt schon. Que Dios los bendiga. Herzlich Hélène

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