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Freiwillig

Im Moment wird den Menschen wegen der Corona-Krise grad viel an Einschränkungen abverlangt. Unfreiwillig!

Ich faste. Und dies freiwillig. Ich kann es mir leisten, ich bin nicht arm. Das unterscheidet mich von Milliarden von Menschen weltweit, die aus Not auf Nahrung verzichten müssen. Das gibt mir ein grosses Privileg. Und jene, die Privilegien haben, haben eine Verantwortung. Ich habe mehr Möglichkeiten als Menschen, die um die Grundbedürfnisse von Essen/Trinken, Wohnen/Schutz und menschliche Nähe kämpfen müssen. Diese Form von Armut lähmt, macht sprachlos und unsichtbar. Was sind meine Möglichkeiten?

Ich höre, wie Jesus sagt, selig sind die Armen! Ich sehe, wie im 13. Jahrhundert eine Armutsbewegung entsteht. Wie Franz von Assisi seinem reichen Händler- Vater sein Gewand vor die Füsse wirft, seine Privilegien, und sich fortan konsequent den bedürftigen Menschen und Kreaturen zuwendet. Ich lese über Mechthild von Magdeburg, die den privilegierten Ort ihrer Eltern auf dem Schloss verlässt und sich den Armen zuwendet.

Kann ich lernen von ihnen?

Wie heute war im 13. Jahrhundert vieles radikal im Umbruch. Die wachsende Geldwirtschaft liess die Schere zwischen Arm und Reich immer grösser werden. Wer Geld hatte, konnte sich vieles leisten. Jene, die den Reichtum mit ihrer Arbeit erwirtschafteten, gingen leer aus und lebten in Hütten ausserhalb der Stadt. Die Stadt machte dicht, Reichtum will sich schützen. Im finanziellen Gut liegt ein Gewaltpotential. Auch für Franziskus war dies das Schlüsselerlebnis: im Krieg erlebte er, mit welch brutalen Mitteln Besitzstand verteidigt wird.

Aus dieser Ausgangslage entstand eine Glanzleistung des Christentums im 13. Jh.: die Armutsbewegung, die stopp! ruft. Sie fragt: Was heisst das, wenn Geld im Leben ist? Wenn manche Menschen immer reicher werden und andere immer ärmer? Darauf gibt sie eine Antwort. Der Diskurs der Ökonomie sagt: «du wirst reicher, wenn du ansammelst.» Die Gegenökonomie der Armutsbewegung sagt: «du wirst reich, wenn du weggibst.» Das Monopol des Geldes macht zweierlei prekär und unsichtbar: jene, die nicht genug Geld haben und all jener Reichtum, der nichts mit Geld zu tun hat. In einer Spiritualität einer Armutsbewegung wird dieses Monopol aufgebrochen: freiwilliger Verzicht und die Zuwendung zu weniger Privilegierten brechen das Monopol des Geldes. Sie machen die Lebensmacht des Teilens sichtbar. Je mehr ich gebe, desto mehr fliesst mir zu.

Was kann ich aus dieser Armutsspiritualität lernen?

  1. Es braucht immer wieder einen Ortswechsel aus den Privilegien hinaus hin zu geteiltem Leben.
  2. Reichtum hat wenig mit Geld zu tun. Dies kann ich bewusst kultivieren, indem ich mir mehr Zeit nehme für mich, für Menschen, für Natur, für Stille, für Experimente, für Räume mit Menschen, die etwas verändern möchten.
  3. Ich kann meinen aufwändigen Lebensstil mehr und mehr reduzieren und weniger Ressourcen gebrauchen.

Das Wunderbare daran ist, dass es freiwillig ist. Im Moment sind wir mit der Corona-Krise unfreiwillig mit vielen Einschränkungen konfrontiert. Doch die Krise wird irgendwann vorbei sein. Dann ist es wieder freiwillig, seinen Lebensstil so zu gestalten, damit die Natur weniger belastet und weniger Ressourcen von weniger privilegierten Menschen abgezogen werden.

Freiwillig! Was für ein schönes Wort!

Freiheit meint eben nicht einfach: ich tue, was ich will, ich bin frei von Einschränkungen. Vielmehr meint Freiheit: ich bin frei für etwas, für Entscheidungen, die mehreren Menschen und nicht nur mir zu Gute kommen. Ich bin frei zu entscheiden, was meinem Leben wirklich gut tut.

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