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Eine Theologie des Bauchnabels

Die Suche nach dem, was unser Leben nährt

Unser Bauchnabel ist ein markantes Zeichen in der Mitte unserer Körper. Ich finde, seine Bedeutung wird total vernachlässigt. Wenn wir heute sagen, jemand betreibe Nabelschau, dann meinen wir, dass jemand einer übertriebenen Beschäftigung mit der eigenen Person huldigt, die von wichtigeren Aufgaben ablenkt und eine nötige Hinwendung zur Umwelt verhindert. Dabei kommt der Ausdruck «Nabelschau» aus der ostkirchlichen Gebetstradition und meint dort die Ausrichtung auf die Mitte des Menschen. Die uralte Gebetstradition versucht den Menschen aus seiner Zerstreutheit wieder in eine Mitte zu bringen.

Der Bauchnabel ist aber noch ein ganz anderes Zeichen. Er ist eigentlich eine Narbe, die uns an die Geburt erinnert. Vor der Geburt waren wir durch die Nabelschnur mit der Mutter verbunden. Wir machten in Mutterlieb die Erfahrung, dass wir gleichzeitig sowohl genährt und verbunden sind, als auch wachsen und uns zu einem Individuum entwickeln können.

Dann wird irgendwann der Raum der Gebärmutter zu eng und wir werden geboren – die Nabelschnur wird durchtrennt. Ich stelle mir vor, dass Geburt ein ziemlich traumatischer Prozess ist und dann erwartet uns Kälte und Schutzlosigkeit. Ab jetzt wird es schwieriger unsere beiden grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen: nach Wachstum, Potenzialentfaltung, Freiheit und nach Bindung, Geborgenheit, Verbundenheit. Der Bauchnabel ist das vernarbte Zeichen dafür, dass dies nicht mehr selbstverständlich ist. Der Abnabelungsprozess vereinzelt. Das Ich drängt ins Leben und will sich lustvoll realisieren. In der Evolution liegt ein Drängen nach vorne in eine Eigenaktivität hinein. Das Individuum wird und will sich durch verschiedene Stufen der Entwicklung hindurch konkretisieren. Dabei verliert es das selbstverständliche Angeschlossen-Sein an das Ganze. Wo sich der Mensch als etwas Eigenes empfindet, verliert er mehr und mehr die selbstverständliche Teilhabe. Zwei Grundängste begleiten diese Entwicklung: wieder verschlungen zu werden oder zu wenig zu kriegen. Die Welt ist je nach dem ein Zuviel oder ein Zuwenig. Wir entwickeln Strategien, damit umzugehen und diese werden mehr und mehr zu Prägungen. Monika Renz beschreibt in ihrem Ansatz «Erlösung aus Prägung» drei Bewältigungsmuster: Angst, Begehren, Macht.

Die Angstprägung spielt sich auf der Ebene von innerseelischen Prozessen ab. Die Angst, das Leben zu wagen ist noch spürbar nahe und wird kaum verdrängt. Neben der grossen Nähe zum Ursprung zeichnet sich eine angstgeprägte Persönlichkeit somit durch eine grosse Sehnsucht aus. Doch ihr Ich ist latent immer gefährdet und das Vertrauen droht immer wieder ins Bodenlose zu stürzen.

Die Prägung des Begehrens beleuchtet die Ebene von Sache und Welt. Die Urerfahrung des Zuwenigs wird mit einem Haben-Reflex bis hin zur Haben-Mentalität beantwortet. In der Existenzform des Habens werden Umwelt und das Du zu Sachen. Es fehlt ein natürliches Geben und Nehmen, in dem nicht aufgerechnet wird und ein selbstverständliches Sein, in dem der Mensch nicht durch Leistungen aller Art etwas gelten muss. Das Begehren kennt sowohl eine Mangel- als auch eine Genussprägung. Bei der Mangelprägung werden Menschen aufgrund von wirklich erlebtem Mangel nie satt. Genussgeprägte Menschen wähnen sich zwar als erfüllt, übersehen aber, dass man im Haben nie genug bekommen kann.

Die Machtprägung hat ihren Ursprung in der Urerfahrung des Zuviels. Durch die Erfahrung der Bedrohung des Ich hat sich der machtgeprägte Mensch früh narzisstisch abgekapselt. So muss der Machtmensch als Beziehungsmensch verstanden werden, wobei aber Beziehung schon im Unbewussten als bedrohlich registriert ist. Deshalb ist Macht eine Lebensform, in der man alles im Griff haben muss. Sie verdrängt das Gefühl von Ohnmacht und Angewiesen Sein. Andere Themen als die eigenen interessieren nicht. Unberührbarkeit und Verlust von Realitätsbezug sind die Folgen. Obwohl als Freiheit erlebt, führt paradoxerweise dieser egozentrische Zustand in seiner Anfälligkeit für alle möglichen fremden Mächte zu einer Fremdbestimmtheit. Der Mensch hat sowohl seine Bezogenheit als auch seine Mitte verloren.

Mit all diesen Bewältigungsmechanismen entfernen wir uns auch vom Zyklischen des Lebens und geraten in Sackgassen.

Monika Renz zeigt es in einer Grafik.

aus: Renz, Monika, Erlösung aus Prägung. Botschaft und Leben Jesu als Überwindung der menschlichen Angst-, Begehrens- und Machtstruktur, Paderborn 2008, 68.

Ob Menschen im Kreislauf zwischen „Sein – Bewegt-Sein – reflexartiges Haben – Loslassen“ doch immer noch angeschlossen sind und damit um eine Mitte kreisen oder ob ihr Ich und dessen Wollen sie im Griff hat (5. Zustand), ist die entscheidende Alternative. Eine Weggabelung, die mit der Frage zu tun hat, worum das Leben kreist: um ein Du, eine Sache, ums Ganze oder allein um das eigene Ich und dessen Verteidigung, Verletzungen, Ehre.

Viele sind in ihren Prägungen gefangen und die Trauer über nichtstimmiges Leben und verdrängte Ängste verhindern, immer wieder aus der Verhärtung heraus zu kommen.

Diese Persönlichkeitsebenen entziehen sich auch oft dem bewussten Wahrnehmen.

Dass es hinter Erfahrungen von Angst, Begehren und Macht eine Urangst gäbe, die diese nährt, ist nicht spontan einsichtig. Es sind nonverbale und symbolische Botschaften, die uns eine Annäherung ermöglichen. Über Körpersprache, über Bilder und Symbole dringen wir in eine Zone möglichen Erfassens. Es geht darum, sich fühlend dem anzunähern, was unfassbar bleibt in unserer Biographie.

Es braucht deshalb eine Theologie des Bauchnabels. Der Bauchnabel lehrt uns, dass wir uns verbinden müssen um wachsen zu können. Er erinnert uns daran, dass wir das verlorene Angeschlossen Sein an das grosse Ganze wieder suchen müssen. Angst, Begehren und Macht sind nur kurzfristige Strategien. Unser Ich wird dadurch wie ein Fass ohne Boden: wir brauchen immer mehr: Angst wird zu Panik, Begehren zu Sucht und Macht zu Missbrauch und Abkapselung.

Der Bauchnabel ist die schmerzhafte Erinnerung an das verlorene Angeschlossen Sein an Gott/ans Ganze. Uns ist also eine Suche aufgetragen nach der Steckdose, wo wir den Stecker für unsere Lebensenergie einstecken können. Eine Theologie des Bauchnabels hilft dem nachzuspüren. Interessanterweise geht der Bauchnabel nach innen. Es fängt also an mit der Schau nach innen.

Eine Theologie des Bauchnabels motiviert, Stille zuzulassen, die Hand auf den Bauchnabel zu halten und dem Atem nachzuspüren. Nach dem Wahrnehmen von Unruhe, Sehnsucht, Angst und Kontrollbedürfnis können dann nach und nach andere Qualitäten zum Vorschein kommen: Vertrauen, Genügsamkeit mit einem Gefühl von Fülle, Verbundenheit.

Die Corona-Krise zeigt uns die Verletzlichkeit unseres Systems mit ihren Angst-, Begehren- und Machtmechanismen. Sie gibt uns aber auch den Raum, um nachzudenken und nachzuspüren. Nutzen wir die Räume mit der Hand auf dem Bauchnabel

Übrigens: mit dem Ansatz von Monia Renz habe ich vor Jahren ein Projekt gestaltet und es dokumentiert.

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