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Du wirst sterben

«Wir haben nun als Gesellschaft die grosse Chance, ein neues «Normal» zu definieren …» schreibt Melanie Gajowski in ihrem letzten Blogbeitrag. Ich frage: was braucht es, damit dies geschehen kann? Schon häufen sich ja die politischen Stimmen, die eine möglichst schnelle Rückkehr zur Normalität fordern. Und ich denke, dass diese Stimmen jetzt lauter werden. Könnte es sein, dass optimistische Einschätzungen wie die von Matthias Horx sich nicht bewahrheiten werden?

Gestern habe ich lange mit einem Freund gesprochen. Es ging um die Frage, warum durch dieses Virus so einschneidende Beschränkungen in unserer Mobilitäts- und Konsumfreiheit möglich wurden. Einschränkungen, die in ähnlicher Weise in Zusammenhang mit der Klimakrise gefordert, aber kaum akzeptiert werden. Warum ist die Reaktion so unterschiedlich? Im Gespräch mit meinem Freund fiel bald das Wort Todesvergessenheit. Oder gar Todesverdrängung und in diesem Zusammenhang eine Fixierung auf die Gesundheit. Ich erzählte ihm zwei Erinnerungen, die mir dabei durch den Kopf gingen. Kürzlich, nach einem längeren Telefongespräch mit meiner Mutter, die im Altersheim keine Besuche mehr empfangen kann, fragte ich sie, ob sie Angst habe vor Corona. Sie verneinte ganz klar mit den Worten: „wir sind doch hier um zu sterben“. Ich empfand diesen Satz meiner Mutter als gesunde Reaktion. Das «Wir» in dieser Aussage, empfand ich zwar als schwierig. Solche Sätze über andere zu äussern ist hochproblematisch. Aber als Aussage meiner Mutter über sich selber wirkte der Satz gesund auf mich.
Und dann die zweite Erinnerung: Schon seit längerem habe ich jeweils ein ungutes Gefühl, wenn Menschen an Neujahr oder zum Geburtstag ihre Glückwünsche äussern: gute Gesundheit, vor allem dies, das ist das Wichtigste! So oder ähnlich tönt es jeweils und etwas in mir widerspricht. Wünscht euch nicht gute Gesundheit, sondern wünscht euch, dass ihr gut umgehen könnt, was auch immer an Gesundheit und Krankheit kommt.

Ich bin fest überzeugt, dass wir einen angstfreieren Umgang mit dem Tod lernen müssen, damit ein neues «Normal» entstehen kann. Denn genau das ist es: es ist normal, dass wir krank werden, an Grenzen stossen, sterben. Umso mehr sind wir aufeinander angewiesen, damit wir Leid und Trauer und Angst gemeinsam bewältigen können. Unsere Selbstoptimierungsgesellschaft bereitet uns überhaupt nicht vor auf diese wesentlichen Erfahrungen des Lebens und lässt uns allein zurück. Ein Bild dafür sind all die Menschen, die jetzt ohne Besuche allein in den Quarantänen und Intensivstationen sterben, weil sie keine Besuche mehr empfangen dürfen.

Und da erinnere ich mich auch an die Weisheiten von früheren Kulturen, die noch unmittelbarer in den Kreisläufen von Werden und Vergehen lebten. Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr beschrieb fünf Schlüsselerfahrungen auf dem Weg zu einem intensiven Mensch-Sein, die in alten Kulturen durch Unterweisung und Rituale eingeübt wurden. Sie lauten:

1. Das Leben ist schwer.

2. Du bist nicht so wichtig.

3. In deinem Leben geht es nicht um dich.

4. Du hast nicht die Kontrolle.

5. Du wirst sterben.

Ich denke, wir brauchen auch wieder das Einüben dieser ganz normalen Lebenserfahrungen, die unser Leben genauso wie die freudvollen prägen und denen wir sonst so unvorbereitet ausgesetzt sind. Im neunen «Normal» brauchen meiner Ansicht nach diese Erfahrungen wieder mehr Raum.

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