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Ich bin nicht so wichtig

Ich habe in den letzten Tagen mit Leuten gesprochen, die sich nicht an die Regeln des Bundes halten und so die unkontrollierte Verbreitung des Virus riskieren. Auf die Gründe für dieses Verhalten angesprochen antworteten einige mit einem ähnlichen Muster: sie würden schlicht auf die Selbstverantwortung setzen. Es scheint in unserer Kultur ganz tief verankert zu sein, dass es im Leben vor allem um das eigene Wohl geht, für das sich jeder für sich einsetzt. Auf der anderen Seite sehe ich auch die vielen Menschen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um uns alle zu unterstützen. Ich denke an das Personal im Gesundheitsbereich und in anderen Bereichen, die für das Leben der Menschen wichtig sind. Diese Menschen zeigen eine Art von Mut, der aus dem Wissen um den Wert des Lebens, eben nicht nur des eigenen, erwächst.

Jesus scheint ein ganz tiefes Wissen um dieses Dilemma gehabt zu haben, wenn er zum Beispiel im Lukasevangelium (Kapitel 9, Vers 24) drastisch formuliert: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Und im Johannesevangelium bezeichnet Jesus (im Kapitel 10, Vers 10) sich selbst als Hirte, der sein Leben gibt, damit andere das Leben im Übermass erlangen. Er entfaltet diese Aussage im Kapitel 12, Vers 25 – ich übersetze frei: Wer sich befreit von der Fixierung aufs Überleben, der befreit das Leben zu einer Fähigkeit, über alle Massen lebendig zu sein.

Die Reden Jesu sind wie geistliche Rätsel und die verwirrenden Fragen Jesu zielen darauf ab, die Grenzen unserer eigenen Macht oder unseres winzigen Selbst aufzuzeigen. Die meisten Menschen im Westen tolerieren es nicht mehr, wenn unser kleines Selbst ignoriert oder gedemütigt wird. Wir bauen ständig Egostrukturen zur Verteidigung unserer momentanen Form auf. Lädt uns nicht die jetzige Krise zu etwas anderem ein? Wenn wir alle weltweit unsere gemeinsame Verwundbarkeit gegenüber diesem Virus erleben, können wir die Lektion lernen, dass wir in unserer Menschlichkeit eins sind. Keiner ist wichtiger als der andere. Ohnmacht ist der Beginn der Weisheit vom Leben.

Alle spirituellen Lehrer hatten keine Angst davor, uns eine Dosis Demütigung zu verabreichen. Es braucht diese meisterhaften MentorInnen, die uns lehren, dass wir nicht wichtig sind. Ansonsten lehrt uns die Realität selbst: Schmerzhafte Lebenssituationen müssen unser nicht verbundenes Selbst abbauen. 

Jesus wusste, dass er unsere Sicherheitssysteme und unser Ego zu destabilisieren musste. Der wichtigste Grund, warum er uns sagen konnte, dass wir nicht wichtig sind, ist, dass er uns auch unsere unverdiente Bedeutung verkündet hat. Wir müssen darum nicht um meine Wichtigkeit wetteifern. Statt Vergleich, Konkurrenz und Mangel ist authentische Spiritualität eine Erfahrung des Überflusses und des gegenseitigen Aufblühens. Unsere Bedeutung wird in diesem Universum als Teil des unzerstörbaren Lebens gegeben und verliehen. Wenn ich diese Lektion gelernt habe, dann kann werde ich wieder wichtig. Als Leben, das dazu beiträgt, dass Leben aufblüht.

Mir gefiel, was Melanie in unserem Blog zum Vergleich von Geldfluss und Bäumen geschrieben hat: «Geld ist ein Gut, welches aufgrund der Eigenschaften wunderbar situativ genutzt werden könnte. Wie die Säfte des Baumes, sollte es im stetigen Fluss sein, um genau dort zu den Menschen zu gelangen, wo es gerade benötigt wird. … Im Baum gibt es keine zentrale Schaltstelle, jede Zelle arbeitet eigenverantwortlich. Der Nutzen des Ganzen liegt im ureigenen Interesse aller Bestandteile des Baumes.»

So sind wir wieder am Anfang meiner Überlegungen: Eigenverantwortung geschieht niemals unverbunden, sondern ist immer in Verbindung mit dem Ganzen des Lebens.

2 Anworten auf „Ich bin nicht so wichtig“

Ich glaube, dass Jesus die Fähigkeit in uns Menschen wecken kann, sich für die Gemeinschaft einzusetzen . Wir glauben ihm und er glaubt an uns.

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