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Gründonnerstag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Die Geschichten um die heutige Nacht haben mich schon immer tief beeindruckt. Es geht in dieser Nacht irgendwie um alles. Um Leben und Tod. Um die Liebe. Und um die Schwierigkeit, zu Vertrauen. Und ich staune, wie dieser Jesus in dieser schrecklichen Geschichte trotz tiefster Erschütterung irgendwie souverän bliebt.

Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass er das Zentrum und die Quelle seiner Kraft nicht in sich sieht, sondern in dem was er seinen Vater nennt. Und der zweite wichtige Grund für seine Stärke liegt darin, dass er zu diesem Kraftzentrum eine intime, fast zärtliche Verbindung pflegte. Nicht umsonst nennt er seinen Gott Abba, Väterchen.

Wenn es um alles geht, zeigt sich, ob meine Persönlichkeit zu einem ängstlichen Festhalten und zu kontrollierender Macht neigt oder ob ich geschehen lassen kann, was jetzt geschehen will.

Es scheint ziemlich natürlich zu sein, sich als Zentrum der Welt zu sehen. Als Baby machen wir ja auch genau diese Erfahrung: wir machen uns mit unseren Bedürfnissen laut bemerkbar und wenn es gut läuft, bekommen wir auch, was wir begehren. Doch dann werden wir älter und merken, dass andere auch ihre Bedürfnisse haben und der Verlauf des Lebens nicht immer unseren Bedürfnissen entspricht. Das Leben kränkt und enttäuscht uns. Wir Menschen müssen im Verlauf unserer kollektiven und individuellen Geschichte lernen, mit den Kränkungen umzugehen. Die grossen Kränkungen der Menschen waren die Einsicht, dass nicht die Sonne um uns kreist, sondern wir uns auf diesem kleinen Planeten um die Sonne drehen. Wir mussten akzeptieren, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern uns in der Linie von tierischem Leben entwickelt haben. Und wir mussten mit der Einsicht leben lernen, dass wir gar nicht so frei sind in unserem Wollen und Entscheiden, wie wir meinen: unbewusste und triebhafte Impulse steuern uns.

Was wir mit diesen Einsichten machen, ist entscheidend. Wir können uns dagegen stemmen mit allen möglichen Kontroll- und Verdrängungsmechanismen. Mir scheint dieser Weg aufwändig und wenig friedvoll. Oder wir können uns versöhnen mit der Einsicht, dass nicht wir, sondern das Ganze entscheidend sind. Wir sind Teil eines viel größeren Ganzen. Das Leben dreht sich nicht um uns, sondern wir drehen uns um das Leben. Wir sind nicht unser eigenes Leben. Das Leben lebt sich selbst in uns.

Das Verständnis, dass es in unserem Leben nicht um uns geht, ist der Verbindungspunkt zu allem anderen. Wir erkennen allmählich, dass die unzähligen Lebensformen im Universum nur Teile des einen Lebens sind. Nach einer solchen Entdeckung sind wir dankbar, ein Teil und nur ein Teil zu sein! Wir müssen nicht alles herausfinden, alles geraderücken oder es sogar perfekt selbst machen. Wir müssen nicht Gott sein. Es ist eine enorme Last, die uns vom Rücken genommen wird. Alles, was wir tun müssen, ist teilnehmen! 

Mein Leben dreht sich nicht um mich. Es dreht sich um etwas Grösseres. In unserem Leben geht es darum, das Leben an uns geschehen zu lassen.

Drei Szenen dieser Nacht verdeutlichen das.

Jesus wäscht seinen Freunden die Füsse. Petrus wehrt sich zuerst dagegen. Der Meister darf das aus seiner Sicht nicht tun. Doch Jesus hat sich vor kurzem mit kostbarstem Öl die Füsse salben lassen. Auch das haben die Freunde nicht verstanden. Jesus ist souverän im Verwöhnt werden und im Verwöhnen. Es geht darum, Verbundenheit und Sorge umeinander zu kultivieren, so wie es gerade stimmig ist.

Jesus bricht das Brot als Zeichen seiner Präsenz. Wir sind nur präsent, wenn wir uns öffnen und zeigen. Auch das ist Zeichen von Verbundenheit. Ich bin nicht, weil ich mich behaupte, mich gut positioniere, ich bin, weil ich mich ins Spiel bringe. Weil ich Leben riskiere.

Und so kann Jesus trotz seiner Todesangst zum Schluss sagen: nicht mein Wille geschehe.

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