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Karfreitag – ich werde sterben

Ich bin in der Nähe des Stiftes Beromünster aufgewachsen. An der Fassade eines der Chorherrenhäuser ist eine Sonnenuhr angebracht, die mit folgendem Spruch ausgeziert ist: Omnis vulnerat, ultima necat. Jede (Stunde) verwundet, die letzte tötet. In drastischen Worten wurden barocke Menschen täglich an die Tatsache des Todes erinnert. Wir hingegen leben in einer todesvergessenen Zeit. Andere Sprüche zieren unseren Alltag. Erziele Erfolg durch Selbstoptimierung! Geniesse lustvolle Stunden in einem luxuriösen Ambiente! Lass deine Alltagssorgen hinter dir und flieg an exotische Destinationen! …

Ich habe in einem früheren Blog schon die Vermutung geäussert, dass unsere Todesvergessenheit wohl viele unserer Reaktionen auf die Corona-Krise erklären könnte.

Der Tod, in welcher Form auch immer, wird als der große menschliche Feind wahrgenommen. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Wir konstruieren einen Großteil unseres Lebens, um ihn zu vermeiden, zu verzögern und zu leugnen. Und verpassen so paradoxerweise viel an Leben.

Die fünf Sätze hat Richard Rohr aus der Beobachtung von Initiationsriten herausdestilliert. Bei den Initiationsriten stand ein Ritual des Todes und der Auferstehung im Mittelpunkt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Jesus das Todes- und Wiedergeburtsritual von Johannes dem Täufer am Jordan aufsuchte und sich ihm unterwarf. In der christlichen Taufe wurde diese Bewegung nachgebildet. Getauft auf Tod und Auferstehung.

Begegnungen mit dem Tod scheinen der wichtigste Weg zu sein, um ein wirkliches Leben aufzubauen oder wieder aufzubauen.

Doch diese Art von Todesvergessenheit betrifft mein individuelles Leben. Und es ist jedem freigestellt, den Schwierigkeiten in seinem Leben im Nachhinein einen Sinn zu geben. Und so seinem Leben eine Art Tiefe und Intensivität. Nun gibt es allerdings viel Leiden, das einfach sinnlos, brutal und ungerecht ist. So wie übrigens auch der Tod Jesu. Und in unserer Kultur herrschst auch eine grosse Vergessenheit gegenüber all dem sinnlosen Leiden, das auf der Welt geschieht, gegen das etwas unternommen werden könnte. Doch wir schauen weg.

Die Todesvergessenheit unserer Kultur hat viele Folgen. Wir verdrängen nicht nur unseren eigenen Tod sondern auch das Leiden der anderen. Warum haben wir unser Gesundheitssystem so zurecht gespart und merken jetzt, dass für die Bewältigung der Krise die Mittel fehlen und die Fachkräfte zu schlecht bezahlt sind. Retten wir diese Einsicht über den Karfreitag, über die Corona-Krise hinaus und ziehen die Konsequenzen. Warum verteidigen wir unseren Standard so unreflektiert und haben vergessen, wie weltweit Menschen dafür in prekären Situationen arbeiten. Warum ist uns unsere Mobilität so heilig und vergessen dabei, wie wir die Ressourcen ausbeuten und die Natur bis an die Grenzen belasten. Karfreitag erinnert nicht nur an die eigene Verletzlichkeit, sondern auch an die Verletzlichkeit anderer und die tatsächlichen Verletzungen, die wir anderen durch unser privilegiertes Verhalten zufügen.

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