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Ostern – Leben ist mehr als Überleben

Was wohl damals geschah? Wir wissen es nicht. Ein leeres Grab? Erscheinungen?
Schon die Auferstehungserzählungen berichten von der Vermutung, die Anhänger Jesu hätten den Leichnam gestohlen und seine Auferstehung erfunden, um seine Glaubwürdigkeit zu bestätigen. In einer bestimmten Logik klingt das plausibel. Mich überzeugt es nicht. Wie hätte mit einer solchen Täuschung eine weltweite Bewegung entstehen können? Aber was ist durch dieses Ereignis neu in die Welt gekommen, sodass wir nach 2000 Jahren noch immer davon sprechen?

Ich vermute, nein ich empfinde folgendes: durch das Leben dieses Jesus von Nazareth hat sich eine Art von Leben gezeigt, die durch seinen Tod nicht vernichtet werden konnte. Es ist ja offensichtlich, für Jesus war sein Überleben, sein schlichtes am Leben Bleiben nicht das Entscheidende. Vielmehr sprach er immer wieder von einem Leben, von einem Lebendig Sein, das nicht in den Sorgen um Überleben und damit im Impuls von Absicherung und Abgrenzung gefangen ist. Ein Leben im Überfluss, überbordend. Und er meinte damit etwas, das nicht sterben kann. Es ging nicht darum, nicht tot zu sein, sondern Leben in sich zu haben. Wer, so meinte Jesus, auf die Sorge um sein Leben und Überleben fixiert ist, verliert die Fähigkeit, lebendig zu sein. Wie geht das: wirklich lebendig zu sein? Das war die Frage. Und sie beschäftigt uns bis heute. Und wir meinen, dass wir vor allem unser Leben intensivieren und unsere Vitalität steigern müssten. Aber das ist ja offensichtlich auch nur ein durch äussere Einflüsse bedrohtes am Leben Sein. Jesus meint etwas anderes. Ein Leben, das aus sich selber heraus so überbordend ist, dass es sich nicht sichern muss, sondern seine Fülle in der Hingabe und Teilhabe findet, indem es sich anderem Leben widmet. Ich glaube, das ist das Zentrum seiner Wirkung: ich muss nicht mich oder meine Identität oder meinen Status, schon gar nicht meinen Besitz bewahren. Ich werde lebendig, wenn ich durch mich Leben geschehen lasse. Ich muss mich dabei von meiner Angepasstheit an die Welt lösen. Wenn ich mich mit der Übereinstimmung mit der Welt, die mich umgibt, zufriedengebe, dann verkümmert das Leben darin. Jesus war überzeugt, dass immer wieder eine neue Zukunft möglich wird. Aber nur dann, wenn ich mich von den dominierenden Erzählungen, die Leben bewahren wollen, distanziere. Wo bleibt da sonst die Möglichkeit, Leben zu entwickeln, indem ich es mit und für andere entfalte? Das bedeutet sicher auch, ein ziemliches Risiko einzugehen. Der Weg von Jesus war ein solcher Risiko-Weg, weg vom Etablierten, Selbstverständlichen, hin zum Unerhörten. In seiner Biographie hat er mit dem Tod dafür bezahlt. Für sein Leben als Lebendig Sein aber hat sein Weg jeder Form von Unterdrückung des Lebens getrotzt. Johannes wird ihm folgende Worte in den Mund legen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es ist ein Weg, der die Wahrheit subjektiviert. Denn Wahrheit heisst in seinem Sinn: es ist eine Wahrheit, die ich mache, weil ich damit bei mir und anderen Leben befördere. Das ist genau das Gegenteil von Egoismus. Ich sichere nicht mein Leben, sondern ich fördere Leben. Das ist ein unbedingtes Engagement. Das ist ein grenzenloses Vertrauen. So wird Johannes auch immer wieder Jesus sagen lassen. Ich bin in Gott, und Gott in mir und ich in euch und ihr in mir. Ineinader sein! Das ist es! Nicht eingesperrt in den Kräfteverhältnissen der Welt. Lebendig sein heisst ausserhalb der Logik der Sicherheit zu sein. Ostern heisst, nicht meine Interessen auf den anderen zu projizieren, sondern zu lernen, einer im andern zu wohnen.

Dass wir nun an Ostern wegen Corona eingesperrt sind, macht wohl schmerzlich bewusst, was uns fehlt. Hoffentlich nachhaltig.

1 Anwort auf „Ostern – Leben ist mehr als Überleben“

Ostern 2020
– Lebendig sein trotz Bedrohung
– Leben geschehen lassen ohne Vorschriften
– Vertrauen und Hoffnung zulassen

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