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Ostern – Leben ist mehr als Überleben

Was wohl damals geschah? Wir wissen es nicht. Ein leeres Grab? Erscheinungen?
Schon die Auferstehungserzählungen berichten von der Vermutung, die Anhänger Jesu hätten den Leichnam gestohlen und seine Auferstehung erfunden, um seine Glaubwürdigkeit zu bestätigen. In einer bestimmten Logik klingt das plausibel. Mich überzeugt es nicht. Wie hätte mit einer solchen Täuschung eine weltweite Bewegung entstehen können? Aber was ist durch dieses Ereignis neu in die Welt gekommen, sodass wir nach 2000 Jahren noch immer davon sprechen?

Ich vermute, nein ich empfinde folgendes: durch das Leben dieses Jesus von Nazareth hat sich eine Art von Leben gezeigt, die durch seinen Tod nicht vernichtet werden konnte. Es ist ja offensichtlich, für Jesus war sein Überleben, sein schlichtes am Leben Bleiben nicht das Entscheidende. Vielmehr sprach er immer wieder von einem Leben, von einem Lebendig Sein, das nicht in den Sorgen um Überleben und damit im Impuls von Absicherung und Abgrenzung gefangen ist. Ein Leben im Überfluss, überbordend. Und er meinte damit etwas, das nicht sterben kann. Es ging nicht darum, nicht tot zu sein, sondern Leben in sich zu haben. Wer, so meinte Jesus, auf die Sorge um sein Leben und Überleben fixiert ist, verliert die Fähigkeit, lebendig zu sein. Wie geht das: wirklich lebendig zu sein? Das war die Frage. Und sie beschäftigt uns bis heute. Und wir meinen, dass wir vor allem unser Leben intensivieren und unsere Vitalität steigern müssten. Aber das ist ja offensichtlich auch nur ein durch äussere Einflüsse bedrohtes am Leben Sein. Jesus meint etwas anderes. Ein Leben, das aus sich selber heraus so überbordend ist, dass es sich nicht sichern muss, sondern seine Fülle in der Hingabe und Teilhabe findet, indem es sich anderem Leben widmet. Ich glaube, das ist das Zentrum seiner Wirkung: ich muss nicht mich oder meine Identität oder meinen Status, schon gar nicht meinen Besitz bewahren. Ich werde lebendig, wenn ich durch mich Leben geschehen lasse. Ich muss mich dabei von meiner Angepasstheit an die Welt lösen. Wenn ich mich mit der Übereinstimmung mit der Welt, die mich umgibt, zufriedengebe, dann verkümmert das Leben darin. Jesus war überzeugt, dass immer wieder eine neue Zukunft möglich wird. Aber nur dann, wenn ich mich von den dominierenden Erzählungen, die Leben bewahren wollen, distanziere. Wo bleibt da sonst die Möglichkeit, Leben zu entwickeln, indem ich es mit und für andere entfalte? Das bedeutet sicher auch, ein ziemliches Risiko einzugehen. Der Weg von Jesus war ein solcher Risiko-Weg, weg vom Etablierten, Selbstverständlichen, hin zum Unerhörten. In seiner Biographie hat er mit dem Tod dafür bezahlt. Für sein Leben als Lebendig Sein aber hat sein Weg jeder Form von Unterdrückung des Lebens getrotzt. Johannes wird ihm folgende Worte in den Mund legen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es ist ein Weg, der die Wahrheit subjektiviert. Denn Wahrheit heisst in seinem Sinn: es ist eine Wahrheit, die ich mache, weil ich damit bei mir und anderen Leben befördere. Das ist genau das Gegenteil von Egoismus. Ich sichere nicht mein Leben, sondern ich fördere Leben. Das ist ein unbedingtes Engagement. Das ist ein grenzenloses Vertrauen. So wird Johannes auch immer wieder Jesus sagen lassen. Ich bin in Gott, und Gott in mir und ich in euch und ihr in mir. Ineinader sein! Das ist es! Nicht eingesperrt in den Kräfteverhältnissen der Welt. Lebendig sein heisst ausserhalb der Logik der Sicherheit zu sein. Ostern heisst, nicht meine Interessen auf den anderen zu projizieren, sondern zu lernen, einer im andern zu wohnen.

Dass wir nun an Ostern wegen Corona eingesperrt sind, macht wohl schmerzlich bewusst, was uns fehlt. Hoffentlich nachhaltig.

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Karsamstag – ich habe nicht die Kontrolle

Der Karsamstag ist ein schwer erträglicher Tag. Wir haben die schrecklichen Bilder im Kopf von sinnlosem Leiden und qualvollem Tod. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben wurden mit dem Leichnam begraben. Das Leben ist aus den Fugen geraten, wir ziehen uns traurig und ängstlich zurück und wissen nicht wie es weiter gehen soll.

Für die meisten in unseren Breitengraden ist es nicht der Tod von Jesus, der solche Gefühle hervorruft. Es ist vielmehr die Bedrohung durch das Corona-Virus. Für viele ist es vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, dass wir so wenig Kontrolle über unser eigenes Schicksal und das Schicksal derer, die wir lieben, haben. Dies trifft uns umso härter, weil es ein fast unbestreitbarer moralischer Wert ist, die Kontrolle über sein Schicksal, seinen Job oder seine Finanzen zu haben. Der populäre Ausdruck „die Kontrolle über sein Leben übernehmen“ klingt reif und vernünftig. Es ist die grundlegende Botschaft fast aller Selbsthilfebücher.

Und es zeigt sich, dass dies auf praktischer Ebene meist passt. Ja, die Bewältigung der Corona-Krise scheint mit Kontrolle bestens zu funktionieren. Die Frage ist aber, wie die Bilanz ausschaut, wenn wir das Ganze anschauen: Was passiert mit unseren Seelen, mit unseren Emotionen? Was löst die Kontrolle auf dieser Ebene aus?

Spirituelle und mystische Traditionen lehren, dass Kontrolle aufzugeben eine Schule sei, um Vereinigung, Mitgefühl und Verständnis zu lernen. Es ist letztlich eine Schule für das endgültige Loslassen, das wir Tod nennen. Gibt es im Augenblick, da wir mit sozialen Einschränkungen, wirtschaftlicher Zerbrechlichkeit und der Verletzlichkeit unseres eigenen Körpers konfrontiert sind, etwas Tieferes, dem wir uns hingeben können?

Es heisst im christlichen Glaubensbekenntnis, Jesus sei nach seinem Tod hinabgestiegen in das Reich des Todes. Ich meine es lohnt sich, dieser Bewegung zu folgen. Hinabsteigen in die Schichten, die wir nicht bewusst steuern können und dort ausharren und warten, bis sich etwas zeigen will ohne von uns kontrolliert zu werden.

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Karfreitag – ich werde sterben

Ich bin in der Nähe des Stiftes Beromünster aufgewachsen. An der Fassade eines der Chorherrenhäuser ist eine Sonnenuhr angebracht, die mit folgendem Spruch ausgeziert ist: Omnis vulnerat, ultima necat. Jede (Stunde) verwundet, die letzte tötet. In drastischen Worten wurden barocke Menschen täglich an die Tatsache des Todes erinnert. Wir hingegen leben in einer todesvergessenen Zeit. Andere Sprüche zieren unseren Alltag. Erziele Erfolg durch Selbstoptimierung! Geniesse lustvolle Stunden in einem luxuriösen Ambiente! Lass deine Alltagssorgen hinter dir und flieg an exotische Destinationen! …

Ich habe in einem früheren Blog schon die Vermutung geäussert, dass unsere Todesvergessenheit wohl viele unserer Reaktionen auf die Corona-Krise erklären könnte.

Der Tod, in welcher Form auch immer, wird als der große menschliche Feind wahrgenommen. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Wir konstruieren einen Großteil unseres Lebens, um ihn zu vermeiden, zu verzögern und zu leugnen. Und verpassen so paradoxerweise viel an Leben.

Die fünf Sätze hat Richard Rohr aus der Beobachtung von Initiationsriten herausdestilliert. Bei den Initiationsriten stand ein Ritual des Todes und der Auferstehung im Mittelpunkt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Jesus das Todes- und Wiedergeburtsritual von Johannes dem Täufer am Jordan aufsuchte und sich ihm unterwarf. In der christlichen Taufe wurde diese Bewegung nachgebildet. Getauft auf Tod und Auferstehung.

Begegnungen mit dem Tod scheinen der wichtigste Weg zu sein, um ein wirkliches Leben aufzubauen oder wieder aufzubauen.

Doch diese Art von Todesvergessenheit betrifft mein individuelles Leben. Und es ist jedem freigestellt, den Schwierigkeiten in seinem Leben im Nachhinein einen Sinn zu geben. Und so seinem Leben eine Art Tiefe und Intensivität. Nun gibt es allerdings viel Leiden, das einfach sinnlos, brutal und ungerecht ist. So wie übrigens auch der Tod Jesu. Und in unserer Kultur herrschst auch eine grosse Vergessenheit gegenüber all dem sinnlosen Leiden, das auf der Welt geschieht, gegen das etwas unternommen werden könnte. Doch wir schauen weg.

Die Todesvergessenheit unserer Kultur hat viele Folgen. Wir verdrängen nicht nur unseren eigenen Tod sondern auch das Leiden der anderen. Warum haben wir unser Gesundheitssystem so zurecht gespart und merken jetzt, dass für die Bewältigung der Krise die Mittel fehlen und die Fachkräfte zu schlecht bezahlt sind. Retten wir diese Einsicht über den Karfreitag, über die Corona-Krise hinaus und ziehen die Konsequenzen. Warum verteidigen wir unseren Standard so unreflektiert und haben vergessen, wie weltweit Menschen dafür in prekären Situationen arbeiten. Warum ist uns unsere Mobilität so heilig und vergessen dabei, wie wir die Ressourcen ausbeuten und die Natur bis an die Grenzen belasten. Karfreitag erinnert nicht nur an die eigene Verletzlichkeit, sondern auch an die Verletzlichkeit anderer und die tatsächlichen Verletzungen, die wir anderen durch unser privilegiertes Verhalten zufügen.

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Gründonnerstag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Die Geschichten um die heutige Nacht haben mich schon immer tief beeindruckt. Es geht in dieser Nacht irgendwie um alles. Um Leben und Tod. Um die Liebe. Und um die Schwierigkeit, zu Vertrauen. Und ich staune, wie dieser Jesus in dieser schrecklichen Geschichte trotz tiefster Erschütterung irgendwie souverän bliebt.

Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass er das Zentrum und die Quelle seiner Kraft nicht in sich sieht, sondern in dem was er seinen Vater nennt. Und der zweite wichtige Grund für seine Stärke liegt darin, dass er zu diesem Kraftzentrum eine intime, fast zärtliche Verbindung pflegte. Nicht umsonst nennt er seinen Gott Abba, Väterchen.

Wenn es um alles geht, zeigt sich, ob meine Persönlichkeit zu einem ängstlichen Festhalten und zu kontrollierender Macht neigt oder ob ich geschehen lassen kann, was jetzt geschehen will.

Es scheint ziemlich natürlich zu sein, sich als Zentrum der Welt zu sehen. Als Baby machen wir ja auch genau diese Erfahrung: wir machen uns mit unseren Bedürfnissen laut bemerkbar und wenn es gut läuft, bekommen wir auch, was wir begehren. Doch dann werden wir älter und merken, dass andere auch ihre Bedürfnisse haben und der Verlauf des Lebens nicht immer unseren Bedürfnissen entspricht. Das Leben kränkt und enttäuscht uns. Wir Menschen müssen im Verlauf unserer kollektiven und individuellen Geschichte lernen, mit den Kränkungen umzugehen. Die grossen Kränkungen der Menschen waren die Einsicht, dass nicht die Sonne um uns kreist, sondern wir uns auf diesem kleinen Planeten um die Sonne drehen. Wir mussten akzeptieren, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern uns in der Linie von tierischem Leben entwickelt haben. Und wir mussten mit der Einsicht leben lernen, dass wir gar nicht so frei sind in unserem Wollen und Entscheiden, wie wir meinen: unbewusste und triebhafte Impulse steuern uns.

Was wir mit diesen Einsichten machen, ist entscheidend. Wir können uns dagegen stemmen mit allen möglichen Kontroll- und Verdrängungsmechanismen. Mir scheint dieser Weg aufwändig und wenig friedvoll. Oder wir können uns versöhnen mit der Einsicht, dass nicht wir, sondern das Ganze entscheidend sind. Wir sind Teil eines viel größeren Ganzen. Das Leben dreht sich nicht um uns, sondern wir drehen uns um das Leben. Wir sind nicht unser eigenes Leben. Das Leben lebt sich selbst in uns.

Das Verständnis, dass es in unserem Leben nicht um uns geht, ist der Verbindungspunkt zu allem anderen. Wir erkennen allmählich, dass die unzähligen Lebensformen im Universum nur Teile des einen Lebens sind. Nach einer solchen Entdeckung sind wir dankbar, ein Teil und nur ein Teil zu sein! Wir müssen nicht alles herausfinden, alles geraderücken oder es sogar perfekt selbst machen. Wir müssen nicht Gott sein. Es ist eine enorme Last, die uns vom Rücken genommen wird. Alles, was wir tun müssen, ist teilnehmen! 

Mein Leben dreht sich nicht um mich. Es dreht sich um etwas Grösseres. In unserem Leben geht es darum, das Leben an uns geschehen zu lassen.

Drei Szenen dieser Nacht verdeutlichen das.

Jesus wäscht seinen Freunden die Füsse. Petrus wehrt sich zuerst dagegen. Der Meister darf das aus seiner Sicht nicht tun. Doch Jesus hat sich vor kurzem mit kostbarstem Öl die Füsse salben lassen. Auch das haben die Freunde nicht verstanden. Jesus ist souverän im Verwöhnt werden und im Verwöhnen. Es geht darum, Verbundenheit und Sorge umeinander zu kultivieren, so wie es gerade stimmig ist.

Jesus bricht das Brot als Zeichen seiner Präsenz. Wir sind nur präsent, wenn wir uns öffnen und zeigen. Auch das ist Zeichen von Verbundenheit. Ich bin nicht, weil ich mich behaupte, mich gut positioniere, ich bin, weil ich mich ins Spiel bringe. Weil ich Leben riskiere.

Und so kann Jesus trotz seiner Todesangst zum Schluss sagen: nicht mein Wille geschehe.

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Ich bin nicht so wichtig

Ich habe in den letzten Tagen mit Leuten gesprochen, die sich nicht an die Regeln des Bundes halten und so die unkontrollierte Verbreitung des Virus riskieren. Auf die Gründe für dieses Verhalten angesprochen antworteten einige mit einem ähnlichen Muster: sie würden schlicht auf die Selbstverantwortung setzen. Es scheint in unserer Kultur ganz tief verankert zu sein, dass es im Leben vor allem um das eigene Wohl geht, für das sich jeder für sich einsetzt. Auf der anderen Seite sehe ich auch die vielen Menschen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um uns alle zu unterstützen. Ich denke an das Personal im Gesundheitsbereich und in anderen Bereichen, die für das Leben der Menschen wichtig sind. Diese Menschen zeigen eine Art von Mut, der aus dem Wissen um den Wert des Lebens, eben nicht nur des eigenen, erwächst.

Jesus scheint ein ganz tiefes Wissen um dieses Dilemma gehabt zu haben, wenn er zum Beispiel im Lukasevangelium (Kapitel 9, Vers 24) drastisch formuliert: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Und im Johannesevangelium bezeichnet Jesus (im Kapitel 10, Vers 10) sich selbst als Hirte, der sein Leben gibt, damit andere das Leben im Übermass erlangen. Er entfaltet diese Aussage im Kapitel 12, Vers 25 – ich übersetze frei: Wer sich befreit von der Fixierung aufs Überleben, der befreit das Leben zu einer Fähigkeit, über alle Massen lebendig zu sein.

Die Reden Jesu sind wie geistliche Rätsel und die verwirrenden Fragen Jesu zielen darauf ab, die Grenzen unserer eigenen Macht oder unseres winzigen Selbst aufzuzeigen. Die meisten Menschen im Westen tolerieren es nicht mehr, wenn unser kleines Selbst ignoriert oder gedemütigt wird. Wir bauen ständig Egostrukturen zur Verteidigung unserer momentanen Form auf. Lädt uns nicht die jetzige Krise zu etwas anderem ein? Wenn wir alle weltweit unsere gemeinsame Verwundbarkeit gegenüber diesem Virus erleben, können wir die Lektion lernen, dass wir in unserer Menschlichkeit eins sind. Keiner ist wichtiger als der andere. Ohnmacht ist der Beginn der Weisheit vom Leben.

Alle spirituellen Lehrer hatten keine Angst davor, uns eine Dosis Demütigung zu verabreichen. Es braucht diese meisterhaften MentorInnen, die uns lehren, dass wir nicht wichtig sind. Ansonsten lehrt uns die Realität selbst: Schmerzhafte Lebenssituationen müssen unser nicht verbundenes Selbst abbauen. 

Jesus wusste, dass er unsere Sicherheitssysteme und unser Ego zu destabilisieren musste. Der wichtigste Grund, warum er uns sagen konnte, dass wir nicht wichtig sind, ist, dass er uns auch unsere unverdiente Bedeutung verkündet hat. Wir müssen darum nicht um meine Wichtigkeit wetteifern. Statt Vergleich, Konkurrenz und Mangel ist authentische Spiritualität eine Erfahrung des Überflusses und des gegenseitigen Aufblühens. Unsere Bedeutung wird in diesem Universum als Teil des unzerstörbaren Lebens gegeben und verliehen. Wenn ich diese Lektion gelernt habe, dann kann werde ich wieder wichtig. Als Leben, das dazu beiträgt, dass Leben aufblüht.

Mir gefiel, was Melanie in unserem Blog zum Vergleich von Geldfluss und Bäumen geschrieben hat: «Geld ist ein Gut, welches aufgrund der Eigenschaften wunderbar situativ genutzt werden könnte. Wie die Säfte des Baumes, sollte es im stetigen Fluss sein, um genau dort zu den Menschen zu gelangen, wo es gerade benötigt wird. … Im Baum gibt es keine zentrale Schaltstelle, jede Zelle arbeitet eigenverantwortlich. Der Nutzen des Ganzen liegt im ureigenen Interesse aller Bestandteile des Baumes.»

So sind wir wieder am Anfang meiner Überlegungen: Eigenverantwortung geschieht niemals unverbunden, sondern ist immer in Verbindung mit dem Ganzen des Lebens.

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das Leben ist hart

Vroni Grütter hat meinen letzten Beitrag mit dem Satz kommentiert: «Diese 5 Punkte tun weh und sind gleichzeitig eine Erlösung». Das fasst die Karwoche, in die wir heute mit dem Palmsonntag eintreten, gut zusammen. Und so beenden wir die Fastenzeit mit Wirklichkeiten, die weh tun und doch das Potential haben, etwas zu lösen. Ist dies auch eine Analogie zur Corona Krise: sie tut weh, aber hat ein Potential, Wirklichkeiten in Bewegung zu setzen?

Ich werde die fünf Sätze diese Woche einzeln kommentieren. Und beginne heute mit dem 1. Satz: Das Leben ist hart. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, das Leben sei leicht? Wem das durch wen oder was auch immer verspochen wird, der hat Erwartungen ans Leben, die nur enttäuscht werden können. Natürlich ist das Leben immer wieder leicht und einfach schön. Gott sei Dank. Aber ehrlich gesagt, spüren wir in diesen Zeiten die Dankbarkeit nicht immer. Im Rückblick sind es oft die eher schwierigen Zeiten, die sich als lebensintensiv erweisen.

Bei aller großen Spiritualität geht es darum, was wir mit unserem Schmerz tun. Schwierige Phasen bewahren uns davor, vor dem notwendigen Kreislauf von Verlust und Erneuerung zu fliehen. Das Christentum feiert das in dieser Woche: Tod und Auferstehung. Auf jeder Ebene des Kosmos wird dieser ewige Zyklus gelebt und erlebt, aber nur der Mensch glaubt, dass er dies vermeiden kann. Vieles in unserer Kultur ist eine Vermeidungstechnik von notwenigen Verwandlungszyklen, zu denen auch die schwierigen Erfahrungen gehören. Vor allem in Mitteleuropa mit unseren vielen Privilegien sind wir in der Lage, sehr naiv zu werden, was Schmerz betrifft. Wir glauben, einfach keine Zeit dafür zu haben. Niemand sucht oder wünscht sich und anderen Leiden. Doch das Leben führt uns notwendig da hinein.  Nur das Leiden und bestimmte Arten von Achtsamkeit führen uns zu wirklich neuen Erfahrungen. Alles andere ist lediglich die Bestätigung alter Erfahrungen. 

Das zentrale Symbol der Karwoche, das Kreuz, mit seiner ziemlich offensichtlichen Botschaft des unvermeidlichen Leidens ist fremd geworden. Wir sind eindeutig auf Aufstieg, Leistung und Vermehrung aus. Wir haben die positive und erlösende Bedeutung unseres eigenen Schmerzes und Leidens übersehen. Es scheint, dass nichts weniger als eine Art Schmerz uns dazu zwingt, uns von unseren kontrollierenden und eigennützigen Illusionen zu lösen. In dieser Zeit des Leidens müssen wir uns fragen, was wir mit unserem Schmerz tun werden. Werden wir anderen die Schuld dafür geben? Werden wir versuchen, ihn zu beheben? Niemand lebt auf dieser Erde ohne ihn. Schmerz ist der große Lehrer, auch wenn es keiner von uns zugeben will. Wenn wir unseren Schmerz nicht transformieren, werden wir ihn in irgendeiner Form weitergeben. Wie können wir sicher sein, dass wir unseren Schmerz nicht auf andere übertragen?

Es ist nicht nur Donald Trump, der diesen Mechanismus praktiziert, indem er zum Beispiel das Corona Virus das chinesische Virus nennt. Wir alle suchen immer wieder die Ursache von Leiden bei anderen. Wann lernen wir, Krisen als notwenige Phasen unserer ganz individuellen und auch kollektiven Entwicklung anzuschauen?

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Du wirst sterben

«Wir haben nun als Gesellschaft die grosse Chance, ein neues «Normal» zu definieren …» schreibt Melanie Gajowski in ihrem letzten Blogbeitrag. Ich frage: was braucht es, damit dies geschehen kann? Schon häufen sich ja die politischen Stimmen, die eine möglichst schnelle Rückkehr zur Normalität fordern. Und ich denke, dass diese Stimmen jetzt lauter werden. Könnte es sein, dass optimistische Einschätzungen wie die von Matthias Horx sich nicht bewahrheiten werden?

Gestern habe ich lange mit einem Freund gesprochen. Es ging um die Frage, warum durch dieses Virus so einschneidende Beschränkungen in unserer Mobilitäts- und Konsumfreiheit möglich wurden. Einschränkungen, die in ähnlicher Weise in Zusammenhang mit der Klimakrise gefordert, aber kaum akzeptiert werden. Warum ist die Reaktion so unterschiedlich? Im Gespräch mit meinem Freund fiel bald das Wort Todesvergessenheit. Oder gar Todesverdrängung und in diesem Zusammenhang eine Fixierung auf die Gesundheit. Ich erzählte ihm zwei Erinnerungen, die mir dabei durch den Kopf gingen. Kürzlich, nach einem längeren Telefongespräch mit meiner Mutter, die im Altersheim keine Besuche mehr empfangen kann, fragte ich sie, ob sie Angst habe vor Corona. Sie verneinte ganz klar mit den Worten: „wir sind doch hier um zu sterben“. Ich empfand diesen Satz meiner Mutter als gesunde Reaktion. Das «Wir» in dieser Aussage, empfand ich zwar als schwierig. Solche Sätze über andere zu äussern ist hochproblematisch. Aber als Aussage meiner Mutter über sich selber wirkte der Satz gesund auf mich.
Und dann die zweite Erinnerung: Schon seit längerem habe ich jeweils ein ungutes Gefühl, wenn Menschen an Neujahr oder zum Geburtstag ihre Glückwünsche äussern: gute Gesundheit, vor allem dies, das ist das Wichtigste! So oder ähnlich tönt es jeweils und etwas in mir widerspricht. Wünscht euch nicht gute Gesundheit, sondern wünscht euch, dass ihr gut umgehen könnt, was auch immer an Gesundheit und Krankheit kommt.

Ich bin fest überzeugt, dass wir einen angstfreieren Umgang mit dem Tod lernen müssen, damit ein neues «Normal» entstehen kann. Denn genau das ist es: es ist normal, dass wir krank werden, an Grenzen stossen, sterben. Umso mehr sind wir aufeinander angewiesen, damit wir Leid und Trauer und Angst gemeinsam bewältigen können. Unsere Selbstoptimierungsgesellschaft bereitet uns überhaupt nicht vor auf diese wesentlichen Erfahrungen des Lebens und lässt uns allein zurück. Ein Bild dafür sind all die Menschen, die jetzt ohne Besuche allein in den Quarantänen und Intensivstationen sterben, weil sie keine Besuche mehr empfangen dürfen.

Und da erinnere ich mich auch an die Weisheiten von früheren Kulturen, die noch unmittelbarer in den Kreisläufen von Werden und Vergehen lebten. Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr beschrieb fünf Schlüsselerfahrungen auf dem Weg zu einem intensiven Mensch-Sein, die in alten Kulturen durch Unterweisung und Rituale eingeübt wurden. Sie lauten:

1. Das Leben ist schwer.

2. Du bist nicht so wichtig.

3. In deinem Leben geht es nicht um dich.

4. Du hast nicht die Kontrolle.

5. Du wirst sterben.

Ich denke, wir brauchen auch wieder das Einüben dieser ganz normalen Lebenserfahrungen, die unser Leben genauso wie die freudvollen prägen und denen wir sonst so unvorbereitet ausgesetzt sind. Im neunen «Normal» brauchen meiner Ansicht nach diese Erfahrungen wieder mehr Raum.

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Nach dem Fastenbrechen

Seit gestern esse ich wieder. Ich habe es vermisst, mit den andern in der Fastengruppe zusammen das Fasten zu brechen. Fastenbrechen ist immer ein sehr spezieller Moment, ein Fest. Also machte ich für mich selber ein kleines Fest. Ich putzte das Fenster vor meinem Tisch. Ich deckte den Tisch festlich, mit Tischtuch, Kerzen und Blumen und richtete meinen Teller mit der Kartoffel schön an. Meinen Saft trak ich im Sektglas. Ich nahm mir viel Zeit.

So vieles war präsent in dieser Zeremonie. Ich war dankbar einmal mehr eine Fastenwoche erlebt zu haben und mich so leicht und frei zu fühlen. Ich war dankbar, für die Menschen, die mit mir gefastet hatten und ständig im Austausch waren. Ich war froh, intensiv gespürt zu haben, wie wenig wir eigentlich brauchen. Und ich genoss den Moment von grosser Präsenz. Einfach da sitzen, die Farben des gedeckten Tischs geniessen, und diesen wunderbaren Geschmack der Kartoffel, süss und erdig gleichzeitig. Nächstes Jahr wieder mit lieben Menschen zusammen, dachte ich. Denn eine geteilte Zeremonie hat nochmals eine andere Kraft.

Dabei ist mir der Grönländische Schamane Angaangaq in den Sinn gekommen. Er redet viel darüber, wie wir Europäer die Zermonien vergessen, ja mehr noch, wie wir vergessen haben, dass wir die Zeremonien vergessen haben.

«Zeremonien heben den Geist, öffnen das Herz und helfen persönliches Gleichgewicht zu finden … Ohne Zeremonien bist du einfach nur da: Du schläfst, stehst auf, isst, gehst zur Arbeit, schaust Fernsehen, surfst im Internet, gehst zu Bett. Du bist den ganzen Tag beschäftigt, aber keinen Augenblick lebendig.»

aus einem Interview in der Coopzeitung

Das wundebare an Zeremonien ist, dass wir nichts dazu brauchen als das, was eh schon vorhanden ist. Trotz Coronakrise wird der Frühling kommen und die Sonne hat wieder mehr Kraft, die Blätter und Blüten werden überall spriessen. Mach eine Feier draus. Nimm sie wahr und lächle sie an und singe im Herzen ein Lied zum Dank, dass die Welt da ist und trotz der vielen Sorgen doch so schön ist. Die Zeremonien helfen uns, die Schönheit und Einfachheit des Lebens zu entdecken. Sie führen uns dahin, freundlich mit uns umzugehen und die Schönheit in uns und um uns herum zu erkennen. Sie führen uns weg vom Kopfkino, das immer nur das Bedrohliche und Sorgenvolle sehen – hin zu dem was einfach lebenswert ist, ohne Grund. Das macht uns genügsam und dankbar.
Wie wäre es, wenn wir unser Leben weniger als etwas betrachten , das es zu bewältigen, erfolgreich zu gestalten, zu optomieren gilt, sondern als eine Gabe, die wir feiern können?

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Fastenbrechen

Bild: Vroni Grütter; Text: Meinrad Furrer

Morgen beenden wir in unserer Fastengruppe die Fastenwoche. Leider nicht zusammen. Das Fastenbrechen war immer ein Fest.

Das Ende der Fastenzeit ist ein unglaubliches Erlebnis. Nach einer Zeit des bewussten Verzichts auf Nahrung essen wir wieder zum ersten Mal. Ich beginne jeweils mit einer Kartoffel. Ohne Salz. Wow, wie eine Kartoffel schmeckt! Es ist ein gutes Bild dafür, was wir gewinnen, wenn wir ab und an bewusst verzichten um dann umso bewusster zu konsumieren. Wir sind dann viel langsamer, verschlingen kommt nicht in Frage. Unsere Sinne sind viel wacher, nehmen die Schönheit, den Geschmack, den Geruch, das Gefühl des Zergehens im Mund viel intensiver wahr. Das was wir Achtsamkeit nennen. Wunderbar, das muss zelebriert werden. Wie wäre es, überhaupt unser Leben mehr zu zelebrieren. Die einfachen Dinge das Alltags einfach sehen, wahrnehmen und zelebrieren. Dann brauchen wir gar nicht so viel!

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Eine andere Sicht

ein Beitrag von Claudia Fehr

ich faste seit 6 Tagen freiwillig – ob ich eingestiegen wäre mit dem Corona, ist eher unwahrscheinlich. Der Verzicht auf Nahrung geht gut, aber ich bin dünnhäutiger und nicht so belastbar. 
Die täglichen News zum neusten Stand der Einschränkungen – folglich auch keine Treffen mit den Mitfastenden, also Verzicht auf physischen Kontakt. Aber das ist eigentlich „nichtig und klein“, den wir sind trotzdem miteinander verbunden per Telefon oder Mail.
Im Austausch miteinander fühlen wir mit all den Familien, welche Kinder haben und arbeiten sollten. Auch denken wir an all die wunderbaren Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten, das Verkaufpersonal in Lebensmittelgeschäften, und an alle die verantwortungsvolle Entscheidungen treffen müssen. 

Und irgendwie spüre ich bei vielen Menschen eine grosse Solidarität, man frägt nach wie geht es Dir, man hilft sich, man kommt sich trotz dem verortneten Distanzhalten näher. 

Vieles was momentan in der Gesellschaft zum Nachdenken/Umdenken anregt, sollte doch möglichst auch Früchte tragen, wenn die Krise ausgestanden ist, das würde ich mir wünschen für unseren Planeten und die ganze Schöpfung.

Den fogenden Text hat mir eine Freundin zugeschickt. Er drückt viel davon aus:

Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, … es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen.

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, … es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben.

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt, … es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken.

Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist!

Es könnte sein, dass die Schliessung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet, … es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen.

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet, … es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist.

Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich brauchen.

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art überfordert, … es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,

  • der die Erde aufatmen lässt,
  • die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,
  • unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,
  • die Geburtsstunde für eine Form des Miteinanders sein kann,
  • der Müllberg zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,
  • und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regeneration einzuläuten,
  • wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen.

Wir werden wachgerüttelt, weil wir nicht bereit waren es selbst zu tun. Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder.