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Jeder Abschluss ist gleichzeitig ein Beginn

Ein Beitrag von Melanie Gajowski

Am Ostersonntag um 10 Uhr haben am Walensee in allen Dörfern die Kirchenglocken geläutet. Die wenigen Schiffe auf dem See standen überwiegend still und schienen, genau wie ich, einfach für 15 Minuten innezuhalten und zu lauschen. Stillstand. 

Diese 15 Minuten hatten für mich etwas Heiliges. Ein grosses Geschenk und irgendwie habe ich das Gefühl gehabt, es fühlt sich an wie ein Versprechen. Ein Versprechen von mir an mich selber. Und der Abschluss dieser Fastenzeit.

Ostern hat in den unterschiedlichsten Kulturen die unterschiedlichsten Bedeutungen. Die Essenz dieses Festes ist für mich das Wissen um den Neubeginn. Ob nun aus der christlichen Tradition heraus oder aus einer anderen betrachtet, immer geht es um den Neubeginn. Um die Möglichkeit nach einer Phase, die herausfordernd war, zu wachsen. In der christlichen Tradition feiern wir die Auferstehung. Im Jahreskreis ist es die Rückkehr des Frühlings, des Wachstum, dass zur Fülle führt.

Der Abschluss dieser Fastenzeit 2020 ist für mich etwas beseonderes. Da sich im Leben jedes einzelnen Menschen, den ich kenne, in den letzten 40 Tagen so viel verändert hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es für mich ein Zurück in die alten, nicht immer förderlichen Verhaltensweisen geben kann. Diese Fastenzeit war so eindrücklich, auf so vielen Ebenen einschneidend, da kann es für mich gar kein Zurück zum Normalzustand geben. Mal abgesehen davon, dass ich weder das Leben, welches wir als Gesellschaft in den letzten Jahren geführt haben, für normal halte noch, dass ich wirklich dorthin zurück möchte. In meinem Umfeld höre ich keine Stimmen, die sagen: „Ich will dahin zurück, woher ich komme“. Vielmehr höre ich von den unterschiedlichsten Seiten: „Nun habe ich wieder Zeit für die Dinge und Menschen, die mir wirklich wichtig sind.“ Und viele bemerken auch, wie gut es tut, innezuhalten und sich auf das Wesentliche zu besinnen. 

Viele sehen sich in ihrem privaten Umfeld mit grossen Herausforderungen konfrontiert, seien es kranke Familienangehörige oder Freunde, sei es die Ungewissheit, wie sich das Leben weiterentwickeln wird. Ich erlebe viel Unterstützung und Kreativität, erlebe, wie Menschen wieder beginnen einander zu fragen, was sie gerade brauchen. Ich beobachte, wie wir zurückgeworfen werden auf unsere unmittelbare Gegenwart, auf das, was direkt um uns herum geschieht. Viele kochen wieder mehr. Sie backen ihr Brot wieder selber. Statt zum Supermarkt gehen sie zum Bio-Bauern. Sie denken und handeln wieder lokal und regional. Viele achten wieder mehr auf die Gesundheit.

Meinrad hat in der Karwoche zu verschiedenen Themen in seinen Beiträgen Stellung genommen. Dies nehme ich zum Anlass diese Themen auch nochmals für mich zu reflektieren, um damit diese intensive, unerwartet verlaufende und doch auf so ganz verschiedenen Ebenen nährende Fastenzeit sowie mein Schreiben im Kontext von „Fasten-Nachhaltig 2020“ abzuschliessen.

Wie schon gesagt, werde ich auf meinem Blog SeelenBilderGeschichten weiterschreiben, jedoch das Thema Geld und Fasten als roten Faden fallen lassen und mich mehr dem Thema, des Nichtwissens, dass ich hier kurz behandelt habe, widmen. Wie kann die Chance zum Umdenken, für den Beginn einer neuen verantwortungsvollen Art zu leben, genützt werden? Was bringt die aktuelle Entwicklung, was bringen die Massnahmen rund um Corona mit sich, diesen Fragen möchte ich in Zukunft vertieft nachgehen. 

Auf den Anzeigetafeln der SBB war in den letzten Tagen immer wieder zu lesen: „Wir passen unser Angebot der Grundversorgung an“. Jedes Mal, wenn ich diesen Satz sehe halte ich inne. Wie oft in den letzten Jahren habe ich mir gewünscht, dass die Suffizienz ihren angemessenen Ort in unserem Leben bekommt. Wir haben längst mehr als genug, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Nur leider ist all das, was es dazu braucht, an vielen Stellen ungerecht verteilt. Ein paar wenige haben von allem viel zu viel, einige haben genug und viele, viele andere haben viel zu wenig. Eine Welt, in der für uns alle, wirklich alle, die Grundversorgung gesichert ist, das ist etwas, wofür ich schon seit Jahren wirke und webe. Dieses Ziel erscheint nun ganz plötzlich viel realistischer und machbarer als noch vor wenigen Wochen.

Mit Beginn dieser Fastenzeit, begann auch die Phase, in der die Massnahmen rund um Corona unser aller Leben bestimmen. Wir verzichteten auf vieles, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Viele Dinge in meinem Leben habe ich weit über meine Grundbedürfnisse hinaus genutzt. Nur in der Fastenzeit, wenn ich bewusst Verzicht übe, bemerke ich, dass ich mir von vielem unachtsam mehr nehme, als ich wirklich brauche. Leider wird mir nur in dieser Phase des  Fastens richtig bewusst, wie sehr auch ich, die sich selber für recht nachhaltig und verantwortungsvoll hält, über meine Verhältnisse lebe, was zu Lasten anderer geht.

Indem ich nun die Brücke zu jenen Beiträgen, welche Meinrad in dieser Woche verfasst hat, schlage, schliesse ich diese Fastenzeit für mich ab.

Palmsonntag – das Leben ist hart

In seinem Beitrag „das Leben ist hart“ spricht Meinrad davon, dass wir das Leiden brauchen, um zu lernen. Die schwierigen Phasen im Leben sind jene, die uns wachsen lassen. Am 5. April, dem Erstellungsdatums dieses Beitrags, begann die Karwoche, welche in der christlichen Tradition dem Leidensweg Christi gewidmet ist, eine Woche, die sich wie keine andere im Kirchenjahr mit dem Leiden beschäftigt. 

Schon mehrfach habe ich in Blogbeiträgen meine Vorliebe für vermeintlich altmodische, zum Teil aus unserem täglichen Wortschatz verschwundene Begriffe gezeigt. Beim Leiden fällt mir immer wieder das Wort Hingabe ein. Im Englischen gibt es den Begriff „Surrender“, der aus meiner Sicht noch passender ist. Ich stelle mirin solchen Momenten vor, wie ich mich der Situation hingebe statt zu leiden, mit ihr fliesse, so wie das Wasser im Bach sich seinen Weg sucht. Ich hadere nicht mit der Situation, ich schaue, was sie mich lehren will. Für mich ist das Leben weder hart noch weich. Ich kann es mir schwer oder einfach machen, durch die Art, in welcher ich mit bestimmten Situationen umgehe. Manchmal ist einfaches Lernen angesagt, manchmal braucht es die Herausforderung. In diesem Sinne ist das Leiden für mich eine wichtige Komponente meiner Weiterentwicklung.

Einstieg in die Karwoche – „Ich bin nicht so wichtig“

„Ich bin nicht so wichtig“ ist Meinrads zweiter Beitrag dieser Karwoche. Schon bevor ich ihn lese, denke ich: welch weise Worte. Wichtig ist aus meiner Sicht, zu wissen, wer ich bin, zu wissen, was meine Bedürfnisse sind. Und diese Bedürfnisse dürfen wichtig genommen werden. Vor allen Dingen sollen wir sie aber in den Kontext der Bedürfnisse aller anderen Wesen und der Natur setzen. Wenn wir alle gleich wichtig sind, entsteht Balance, entsteht die Magie des guten Lebens.

Gründonnerstag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Wir, und damit auch unsere Blogbeiträge, nähern uns Ostern, dem Ende und dem Anfang. Ein leichtes Bedauern schwingt mit in diesem Wissen, dass diese gemeinsame Fastenreise nun bald zu Ende ist. So wie Meinrad die Erzählung der Fusswaschung bewegt, so hat sie auch mir immer wieder Impulse gegeben und mich an meinen Grundauftrag im Leben, von und mit dem ganzen Herzen zu dienen, erinnert. Meiner Meinung nach dreht sich unser Leben ums Dienen. Wieder ein altertümliches Wort, eine altmodische Tugend, ein alter Wert, aber noch immer vor allem eine wunderschöne Geste. Dem Leben zu dienen heisst zu wissen, dass alles miteinander verbunden ist. Niemand von uns ist besser oder schlechter. Keine ist höher gestellt oder von niederem Rang. Wir sind alle gleich. Und drehen uns im besten Fall im Tanz namens Leben rhythmisch miteinander und umeinander.

Karfreitag – ich werde sterben

Vor der Auferstehung steht natürlich noch der Tod, das Sterben.

Mir scheint, wir haben den Tod aus dem Leben verbannt. Im Jahr 2017 habe ich einen guten Freund, ungefähr gleichalt wie ich, durch die Krankheit in den Tod begleiten dürfen. Es fühlt sich immer noch an, als wäre er viel zu früh gestorben. Es bleibt die Frage des «Warum er?» und «Warum jetzt?». Gleichzeitig war es für uns alle, die wir an diesem Prozess Teil hatten, die Möglichkeit, den Tod und das Sterben zu thematisieren, zu benennen, die Möglichkeit, uns unsere eigenen Ängste und unsere Beziehung zum Tod anzuschauen. Im Tod liegt auch Heilung. So war es zumindest für mich. 

Meinrad schreibt in diesem Beitrag über die Folgen, die unsere Todesvergessenheit für die aktuelle Gesellschaft hat. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Mein Gefühl ist, dass wir den Tod aus dem Leben verdrängen wollten. Das geht nicht – er gehört zu uns! Und dies seit unserer Geburt. 

Corona hat den Tod zurück ins Leben gebracht. In das der einzelnen Menschen, die direkt betroffen sind, schmerzhaft und leidvoll. Aber auch für jene, die keine persönlichen Krankheitsfälle in ihrem Umfeld miterleben müssen, ist der Tod wieder präsent. Wir erinnern uns an unsere eigene Sterblichkeit und an die Verletzlichkeit.

Wer ein wenig mehr Zeit mit dem Tod verbringen möchte, dem seien als Einstieg die «Fünf Phasen des Sterbens» von Elisabeth Kübler-Ross ans Herz gelegt. Auch Vergleiche mit der Corona-Krise sind in diesem Zusammenhang erlaubt.

Karsamstag – ich habe nicht die Kontrolle

Ja, ich glaube, eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben ist genau dies: Wir müssen dem Leben vertrauen, denn wir haben keine Kontrolle. Dies wird uns in so vielen Situationen immer wieder aufgezeigt. «Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt» soll schon Wilhelm Busch gesagt haben. Was mir der Karsamstag und diese gesamte Woche vor allen Dingen zeigte, war, wie wichtig Vertrauen in unserem Leben ist. Vertrauen schenken, Vertrauen geschenkt bekommen, und natürlich auch der achtsame Umgang mit diesem Geschenk. Kontrolle aufgeben und Vertrauen schenken scheinen mir zwei der Schlüsselfähigkeiten, die uns die Geschichte von Jesus und auch die Geschichte unseres eigenen Lebens lehren.

Ostern – Leben ist mehr als Überleben

Wir sind am Ende angekommen, also wieder am Anfang. Wie eingangs gesagt, feiern wir mit Ostern das Wissen um den Neubeginn. Der Kreislauf startet erneut. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir immer wieder entscheiden können, neu zu beginnen. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns immer wieder für das Leben entscheiden können. 

Ostern 2020 mit all den unerwarteten Einschränkungen und Impulsen, unser Leben zu hinterfragen, gibt uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, was Leben für uns bedeutet. Es gibt uns die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was für uns ganz persönlich der Unterschied zwischen Leben und Überleben sein mag.

Ich wünsche uns allen ein Leben in Verbindung mit allem und allen. Ein Leben in welchem wir die Bedürfnisse der Natur und anderer Menschen genauso wichtig nehmen und respektieren, wie unsere eigenen.

Ein Leben, das mehr ist als nur zu überleben.

Diese Fastenzeit, die ich hiermit beende, hat mir unerwartet viel geschenkt und mich durch eine viel intensivere Zeit des Verzichts geschickt, als ich erwartet habe. 

Ich bin zurück auf meine Grundbedürfnisse geworfen und bemerke, wie gut es mir tut, all den Ballast hinter mir zu lassen. Ich freue mich auf die Phase, die nun beginnt, auch wenn ich jetzt noch keine Ahnung habe, was da alles auf uns zukommt. 

Danke an alle, die mich durch diese Wochen begleitet haben und im Voraus herzlichen Dank an alle, die nun die Zukunft, welche uns erwartet, aus der Gegenwart heraus, achtsam, respektvoll, liebevoll und freudvoll gestalten.

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Ostern – Leben ist mehr als Überleben

Was wohl damals geschah? Wir wissen es nicht. Ein leeres Grab? Erscheinungen?
Schon die Auferstehungserzählungen berichten von der Vermutung, die Anhänger Jesu hätten den Leichnam gestohlen und seine Auferstehung erfunden, um seine Glaubwürdigkeit zu bestätigen. In einer bestimmten Logik klingt das plausibel. Mich überzeugt es nicht. Wie hätte mit einer solchen Täuschung eine weltweite Bewegung entstehen können? Aber was ist durch dieses Ereignis neu in die Welt gekommen, sodass wir nach 2000 Jahren noch immer davon sprechen?

Ich vermute, nein ich empfinde folgendes: durch das Leben dieses Jesus von Nazareth hat sich eine Art von Leben gezeigt, die durch seinen Tod nicht vernichtet werden konnte. Es ist ja offensichtlich, für Jesus war sein Überleben, sein schlichtes am Leben Bleiben nicht das Entscheidende. Vielmehr sprach er immer wieder von einem Leben, von einem Lebendig Sein, das nicht in den Sorgen um Überleben und damit im Impuls von Absicherung und Abgrenzung gefangen ist. Ein Leben im Überfluss, überbordend. Und er meinte damit etwas, das nicht sterben kann. Es ging nicht darum, nicht tot zu sein, sondern Leben in sich zu haben. Wer, so meinte Jesus, auf die Sorge um sein Leben und Überleben fixiert ist, verliert die Fähigkeit, lebendig zu sein. Wie geht das: wirklich lebendig zu sein? Das war die Frage. Und sie beschäftigt uns bis heute. Und wir meinen, dass wir vor allem unser Leben intensivieren und unsere Vitalität steigern müssten. Aber das ist ja offensichtlich auch nur ein durch äussere Einflüsse bedrohtes am Leben Sein. Jesus meint etwas anderes. Ein Leben, das aus sich selber heraus so überbordend ist, dass es sich nicht sichern muss, sondern seine Fülle in der Hingabe und Teilhabe findet, indem es sich anderem Leben widmet. Ich glaube, das ist das Zentrum seiner Wirkung: ich muss nicht mich oder meine Identität oder meinen Status, schon gar nicht meinen Besitz bewahren. Ich werde lebendig, wenn ich durch mich Leben geschehen lasse. Ich muss mich dabei von meiner Angepasstheit an die Welt lösen. Wenn ich mich mit der Übereinstimmung mit der Welt, die mich umgibt, zufriedengebe, dann verkümmert das Leben darin. Jesus war überzeugt, dass immer wieder eine neue Zukunft möglich wird. Aber nur dann, wenn ich mich von den dominierenden Erzählungen, die Leben bewahren wollen, distanziere. Wo bleibt da sonst die Möglichkeit, Leben zu entwickeln, indem ich es mit und für andere entfalte? Das bedeutet sicher auch, ein ziemliches Risiko einzugehen. Der Weg von Jesus war ein solcher Risiko-Weg, weg vom Etablierten, Selbstverständlichen, hin zum Unerhörten. In seiner Biographie hat er mit dem Tod dafür bezahlt. Für sein Leben als Lebendig Sein aber hat sein Weg jeder Form von Unterdrückung des Lebens getrotzt. Johannes wird ihm folgende Worte in den Mund legen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es ist ein Weg, der die Wahrheit subjektiviert. Denn Wahrheit heisst in seinem Sinn: es ist eine Wahrheit, die ich mache, weil ich damit bei mir und anderen Leben befördere. Das ist genau das Gegenteil von Egoismus. Ich sichere nicht mein Leben, sondern ich fördere Leben. Das ist ein unbedingtes Engagement. Das ist ein grenzenloses Vertrauen. So wird Johannes auch immer wieder Jesus sagen lassen. Ich bin in Gott, und Gott in mir und ich in euch und ihr in mir. Ineinader sein! Das ist es! Nicht eingesperrt in den Kräfteverhältnissen der Welt. Lebendig sein heisst ausserhalb der Logik der Sicherheit zu sein. Ostern heisst, nicht meine Interessen auf den anderen zu projizieren, sondern zu lernen, einer im andern zu wohnen.

Dass wir nun an Ostern wegen Corona eingesperrt sind, macht wohl schmerzlich bewusst, was uns fehlt. Hoffentlich nachhaltig.

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Karsamstag – ich habe nicht die Kontrolle

Der Karsamstag ist ein schwer erträglicher Tag. Wir haben die schrecklichen Bilder im Kopf von sinnlosem Leiden und qualvollem Tod. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben wurden mit dem Leichnam begraben. Das Leben ist aus den Fugen geraten, wir ziehen uns traurig und ängstlich zurück und wissen nicht wie es weiter gehen soll.

Für die meisten in unseren Breitengraden ist es nicht der Tod von Jesus, der solche Gefühle hervorruft. Es ist vielmehr die Bedrohung durch das Corona-Virus. Für viele ist es vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, dass wir so wenig Kontrolle über unser eigenes Schicksal und das Schicksal derer, die wir lieben, haben. Dies trifft uns umso härter, weil es ein fast unbestreitbarer moralischer Wert ist, die Kontrolle über sein Schicksal, seinen Job oder seine Finanzen zu haben. Der populäre Ausdruck „die Kontrolle über sein Leben übernehmen“ klingt reif und vernünftig. Es ist die grundlegende Botschaft fast aller Selbsthilfebücher.

Und es zeigt sich, dass dies auf praktischer Ebene meist passt. Ja, die Bewältigung der Corona-Krise scheint mit Kontrolle bestens zu funktionieren. Die Frage ist aber, wie die Bilanz ausschaut, wenn wir das Ganze anschauen: Was passiert mit unseren Seelen, mit unseren Emotionen? Was löst die Kontrolle auf dieser Ebene aus?

Spirituelle und mystische Traditionen lehren, dass Kontrolle aufzugeben eine Schule sei, um Vereinigung, Mitgefühl und Verständnis zu lernen. Es ist letztlich eine Schule für das endgültige Loslassen, das wir Tod nennen. Gibt es im Augenblick, da wir mit sozialen Einschränkungen, wirtschaftlicher Zerbrechlichkeit und der Verletzlichkeit unseres eigenen Körpers konfrontiert sind, etwas Tieferes, dem wir uns hingeben können?

Es heisst im christlichen Glaubensbekenntnis, Jesus sei nach seinem Tod hinabgestiegen in das Reich des Todes. Ich meine es lohnt sich, dieser Bewegung zu folgen. Hinabsteigen in die Schichten, die wir nicht bewusst steuern können und dort ausharren und warten, bis sich etwas zeigen will ohne von uns kontrolliert zu werden.

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Karfreitag – ich werde sterben

Ich bin in der Nähe des Stiftes Beromünster aufgewachsen. An der Fassade eines der Chorherrenhäuser ist eine Sonnenuhr angebracht, die mit folgendem Spruch ausgeziert ist: Omnis vulnerat, ultima necat. Jede (Stunde) verwundet, die letzte tötet. In drastischen Worten wurden barocke Menschen täglich an die Tatsache des Todes erinnert. Wir hingegen leben in einer todesvergessenen Zeit. Andere Sprüche zieren unseren Alltag. Erziele Erfolg durch Selbstoptimierung! Geniesse lustvolle Stunden in einem luxuriösen Ambiente! Lass deine Alltagssorgen hinter dir und flieg an exotische Destinationen! …

Ich habe in einem früheren Blog schon die Vermutung geäussert, dass unsere Todesvergessenheit wohl viele unserer Reaktionen auf die Corona-Krise erklären könnte.

Der Tod, in welcher Form auch immer, wird als der große menschliche Feind wahrgenommen. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Wir konstruieren einen Großteil unseres Lebens, um ihn zu vermeiden, zu verzögern und zu leugnen. Und verpassen so paradoxerweise viel an Leben.

Die fünf Sätze hat Richard Rohr aus der Beobachtung von Initiationsriten herausdestilliert. Bei den Initiationsriten stand ein Ritual des Todes und der Auferstehung im Mittelpunkt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Jesus das Todes- und Wiedergeburtsritual von Johannes dem Täufer am Jordan aufsuchte und sich ihm unterwarf. In der christlichen Taufe wurde diese Bewegung nachgebildet. Getauft auf Tod und Auferstehung.

Begegnungen mit dem Tod scheinen der wichtigste Weg zu sein, um ein wirkliches Leben aufzubauen oder wieder aufzubauen.

Doch diese Art von Todesvergessenheit betrifft mein individuelles Leben. Und es ist jedem freigestellt, den Schwierigkeiten in seinem Leben im Nachhinein einen Sinn zu geben. Und so seinem Leben eine Art Tiefe und Intensivität. Nun gibt es allerdings viel Leiden, das einfach sinnlos, brutal und ungerecht ist. So wie übrigens auch der Tod Jesu. Und in unserer Kultur herrschst auch eine grosse Vergessenheit gegenüber all dem sinnlosen Leiden, das auf der Welt geschieht, gegen das etwas unternommen werden könnte. Doch wir schauen weg.

Die Todesvergessenheit unserer Kultur hat viele Folgen. Wir verdrängen nicht nur unseren eigenen Tod sondern auch das Leiden der anderen. Warum haben wir unser Gesundheitssystem so zurecht gespart und merken jetzt, dass für die Bewältigung der Krise die Mittel fehlen und die Fachkräfte zu schlecht bezahlt sind. Retten wir diese Einsicht über den Karfreitag, über die Corona-Krise hinaus und ziehen die Konsequenzen. Warum verteidigen wir unseren Standard so unreflektiert und haben vergessen, wie weltweit Menschen dafür in prekären Situationen arbeiten. Warum ist uns unsere Mobilität so heilig und vergessen dabei, wie wir die Ressourcen ausbeuten und die Natur bis an die Grenzen belasten. Karfreitag erinnert nicht nur an die eigene Verletzlichkeit, sondern auch an die Verletzlichkeit anderer und die tatsächlichen Verletzungen, die wir anderen durch unser privilegiertes Verhalten zufügen.

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Gründonnerstag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Die Geschichten um die heutige Nacht haben mich schon immer tief beeindruckt. Es geht in dieser Nacht irgendwie um alles. Um Leben und Tod. Um die Liebe. Und um die Schwierigkeit, zu Vertrauen. Und ich staune, wie dieser Jesus in dieser schrecklichen Geschichte trotz tiefster Erschütterung irgendwie souverän bliebt.

Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass er das Zentrum und die Quelle seiner Kraft nicht in sich sieht, sondern in dem was er seinen Vater nennt. Und der zweite wichtige Grund für seine Stärke liegt darin, dass er zu diesem Kraftzentrum eine intime, fast zärtliche Verbindung pflegte. Nicht umsonst nennt er seinen Gott Abba, Väterchen.

Wenn es um alles geht, zeigt sich, ob meine Persönlichkeit zu einem ängstlichen Festhalten und zu kontrollierender Macht neigt oder ob ich geschehen lassen kann, was jetzt geschehen will.

Es scheint ziemlich natürlich zu sein, sich als Zentrum der Welt zu sehen. Als Baby machen wir ja auch genau diese Erfahrung: wir machen uns mit unseren Bedürfnissen laut bemerkbar und wenn es gut läuft, bekommen wir auch, was wir begehren. Doch dann werden wir älter und merken, dass andere auch ihre Bedürfnisse haben und der Verlauf des Lebens nicht immer unseren Bedürfnissen entspricht. Das Leben kränkt und enttäuscht uns. Wir Menschen müssen im Verlauf unserer kollektiven und individuellen Geschichte lernen, mit den Kränkungen umzugehen. Die grossen Kränkungen der Menschen waren die Einsicht, dass nicht die Sonne um uns kreist, sondern wir uns auf diesem kleinen Planeten um die Sonne drehen. Wir mussten akzeptieren, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern uns in der Linie von tierischem Leben entwickelt haben. Und wir mussten mit der Einsicht leben lernen, dass wir gar nicht so frei sind in unserem Wollen und Entscheiden, wie wir meinen: unbewusste und triebhafte Impulse steuern uns.

Was wir mit diesen Einsichten machen, ist entscheidend. Wir können uns dagegen stemmen mit allen möglichen Kontroll- und Verdrängungsmechanismen. Mir scheint dieser Weg aufwändig und wenig friedvoll. Oder wir können uns versöhnen mit der Einsicht, dass nicht wir, sondern das Ganze entscheidend sind. Wir sind Teil eines viel größeren Ganzen. Das Leben dreht sich nicht um uns, sondern wir drehen uns um das Leben. Wir sind nicht unser eigenes Leben. Das Leben lebt sich selbst in uns.

Das Verständnis, dass es in unserem Leben nicht um uns geht, ist der Verbindungspunkt zu allem anderen. Wir erkennen allmählich, dass die unzähligen Lebensformen im Universum nur Teile des einen Lebens sind. Nach einer solchen Entdeckung sind wir dankbar, ein Teil und nur ein Teil zu sein! Wir müssen nicht alles herausfinden, alles geraderücken oder es sogar perfekt selbst machen. Wir müssen nicht Gott sein. Es ist eine enorme Last, die uns vom Rücken genommen wird. Alles, was wir tun müssen, ist teilnehmen! 

Mein Leben dreht sich nicht um mich. Es dreht sich um etwas Grösseres. In unserem Leben geht es darum, das Leben an uns geschehen zu lassen.

Drei Szenen dieser Nacht verdeutlichen das.

Jesus wäscht seinen Freunden die Füsse. Petrus wehrt sich zuerst dagegen. Der Meister darf das aus seiner Sicht nicht tun. Doch Jesus hat sich vor kurzem mit kostbarstem Öl die Füsse salben lassen. Auch das haben die Freunde nicht verstanden. Jesus ist souverän im Verwöhnt werden und im Verwöhnen. Es geht darum, Verbundenheit und Sorge umeinander zu kultivieren, so wie es gerade stimmig ist.

Jesus bricht das Brot als Zeichen seiner Präsenz. Wir sind nur präsent, wenn wir uns öffnen und zeigen. Auch das ist Zeichen von Verbundenheit. Ich bin nicht, weil ich mich behaupte, mich gut positioniere, ich bin, weil ich mich ins Spiel bringe. Weil ich Leben riskiere.

Und so kann Jesus trotz seiner Todesangst zum Schluss sagen: nicht mein Wille geschehe.

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Ich bin nicht so wichtig

Ich habe in den letzten Tagen mit Leuten gesprochen, die sich nicht an die Regeln des Bundes halten und so die unkontrollierte Verbreitung des Virus riskieren. Auf die Gründe für dieses Verhalten angesprochen antworteten einige mit einem ähnlichen Muster: sie würden schlicht auf die Selbstverantwortung setzen. Es scheint in unserer Kultur ganz tief verankert zu sein, dass es im Leben vor allem um das eigene Wohl geht, für das sich jeder für sich einsetzt. Auf der anderen Seite sehe ich auch die vielen Menschen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um uns alle zu unterstützen. Ich denke an das Personal im Gesundheitsbereich und in anderen Bereichen, die für das Leben der Menschen wichtig sind. Diese Menschen zeigen eine Art von Mut, der aus dem Wissen um den Wert des Lebens, eben nicht nur des eigenen, erwächst.

Jesus scheint ein ganz tiefes Wissen um dieses Dilemma gehabt zu haben, wenn er zum Beispiel im Lukasevangelium (Kapitel 9, Vers 24) drastisch formuliert: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Und im Johannesevangelium bezeichnet Jesus (im Kapitel 10, Vers 10) sich selbst als Hirte, der sein Leben gibt, damit andere das Leben im Übermass erlangen. Er entfaltet diese Aussage im Kapitel 12, Vers 25 – ich übersetze frei: Wer sich befreit von der Fixierung aufs Überleben, der befreit das Leben zu einer Fähigkeit, über alle Massen lebendig zu sein.

Die Reden Jesu sind wie geistliche Rätsel und die verwirrenden Fragen Jesu zielen darauf ab, die Grenzen unserer eigenen Macht oder unseres winzigen Selbst aufzuzeigen. Die meisten Menschen im Westen tolerieren es nicht mehr, wenn unser kleines Selbst ignoriert oder gedemütigt wird. Wir bauen ständig Egostrukturen zur Verteidigung unserer momentanen Form auf. Lädt uns nicht die jetzige Krise zu etwas anderem ein? Wenn wir alle weltweit unsere gemeinsame Verwundbarkeit gegenüber diesem Virus erleben, können wir die Lektion lernen, dass wir in unserer Menschlichkeit eins sind. Keiner ist wichtiger als der andere. Ohnmacht ist der Beginn der Weisheit vom Leben.

Alle spirituellen Lehrer hatten keine Angst davor, uns eine Dosis Demütigung zu verabreichen. Es braucht diese meisterhaften MentorInnen, die uns lehren, dass wir nicht wichtig sind. Ansonsten lehrt uns die Realität selbst: Schmerzhafte Lebenssituationen müssen unser nicht verbundenes Selbst abbauen. 

Jesus wusste, dass er unsere Sicherheitssysteme und unser Ego zu destabilisieren musste. Der wichtigste Grund, warum er uns sagen konnte, dass wir nicht wichtig sind, ist, dass er uns auch unsere unverdiente Bedeutung verkündet hat. Wir müssen darum nicht um meine Wichtigkeit wetteifern. Statt Vergleich, Konkurrenz und Mangel ist authentische Spiritualität eine Erfahrung des Überflusses und des gegenseitigen Aufblühens. Unsere Bedeutung wird in diesem Universum als Teil des unzerstörbaren Lebens gegeben und verliehen. Wenn ich diese Lektion gelernt habe, dann kann werde ich wieder wichtig. Als Leben, das dazu beiträgt, dass Leben aufblüht.

Mir gefiel, was Melanie in unserem Blog zum Vergleich von Geldfluss und Bäumen geschrieben hat: «Geld ist ein Gut, welches aufgrund der Eigenschaften wunderbar situativ genutzt werden könnte. Wie die Säfte des Baumes, sollte es im stetigen Fluss sein, um genau dort zu den Menschen zu gelangen, wo es gerade benötigt wird. … Im Baum gibt es keine zentrale Schaltstelle, jede Zelle arbeitet eigenverantwortlich. Der Nutzen des Ganzen liegt im ureigenen Interesse aller Bestandteile des Baumes.»

So sind wir wieder am Anfang meiner Überlegungen: Eigenverantwortung geschieht niemals unverbunden, sondern ist immer in Verbindung mit dem Ganzen des Lebens.

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das Leben ist hart

Vroni Grütter hat meinen letzten Beitrag mit dem Satz kommentiert: «Diese 5 Punkte tun weh und sind gleichzeitig eine Erlösung». Das fasst die Karwoche, in die wir heute mit dem Palmsonntag eintreten, gut zusammen. Und so beenden wir die Fastenzeit mit Wirklichkeiten, die weh tun und doch das Potential haben, etwas zu lösen. Ist dies auch eine Analogie zur Corona Krise: sie tut weh, aber hat ein Potential, Wirklichkeiten in Bewegung zu setzen?

Ich werde die fünf Sätze diese Woche einzeln kommentieren. Und beginne heute mit dem 1. Satz: Das Leben ist hart. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, das Leben sei leicht? Wem das durch wen oder was auch immer verspochen wird, der hat Erwartungen ans Leben, die nur enttäuscht werden können. Natürlich ist das Leben immer wieder leicht und einfach schön. Gott sei Dank. Aber ehrlich gesagt, spüren wir in diesen Zeiten die Dankbarkeit nicht immer. Im Rückblick sind es oft die eher schwierigen Zeiten, die sich als lebensintensiv erweisen.

Bei aller großen Spiritualität geht es darum, was wir mit unserem Schmerz tun. Schwierige Phasen bewahren uns davor, vor dem notwendigen Kreislauf von Verlust und Erneuerung zu fliehen. Das Christentum feiert das in dieser Woche: Tod und Auferstehung. Auf jeder Ebene des Kosmos wird dieser ewige Zyklus gelebt und erlebt, aber nur der Mensch glaubt, dass er dies vermeiden kann. Vieles in unserer Kultur ist eine Vermeidungstechnik von notwenigen Verwandlungszyklen, zu denen auch die schwierigen Erfahrungen gehören. Vor allem in Mitteleuropa mit unseren vielen Privilegien sind wir in der Lage, sehr naiv zu werden, was Schmerz betrifft. Wir glauben, einfach keine Zeit dafür zu haben. Niemand sucht oder wünscht sich und anderen Leiden. Doch das Leben führt uns notwendig da hinein.  Nur das Leiden und bestimmte Arten von Achtsamkeit führen uns zu wirklich neuen Erfahrungen. Alles andere ist lediglich die Bestätigung alter Erfahrungen. 

Das zentrale Symbol der Karwoche, das Kreuz, mit seiner ziemlich offensichtlichen Botschaft des unvermeidlichen Leidens ist fremd geworden. Wir sind eindeutig auf Aufstieg, Leistung und Vermehrung aus. Wir haben die positive und erlösende Bedeutung unseres eigenen Schmerzes und Leidens übersehen. Es scheint, dass nichts weniger als eine Art Schmerz uns dazu zwingt, uns von unseren kontrollierenden und eigennützigen Illusionen zu lösen. In dieser Zeit des Leidens müssen wir uns fragen, was wir mit unserem Schmerz tun werden. Werden wir anderen die Schuld dafür geben? Werden wir versuchen, ihn zu beheben? Niemand lebt auf dieser Erde ohne ihn. Schmerz ist der große Lehrer, auch wenn es keiner von uns zugeben will. Wenn wir unseren Schmerz nicht transformieren, werden wir ihn in irgendeiner Form weitergeben. Wie können wir sicher sein, dass wir unseren Schmerz nicht auf andere übertragen?

Es ist nicht nur Donald Trump, der diesen Mechanismus praktiziert, indem er zum Beispiel das Corona Virus das chinesische Virus nennt. Wir alle suchen immer wieder die Ursache von Leiden bei anderen. Wann lernen wir, Krisen als notwenige Phasen unserer ganz individuellen und auch kollektiven Entwicklung anzuschauen?

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Was haben die Bäume mit Geldfasten zu tun?

Ein Beitrag von Melanie Gajowski

Spontane Antwort: Je tiefer ich mich in die Auseinandersetzung mit dem Geldfasten begab, desto weniger konnte ich den Wald vor lauter Bäumen sehen. Sprichwörtlich und wirklich. Ich gehe tiefer und tiefer in die einzelnen Themen und der Gesamtüberblick scheint mir an manchen Stellen verloren zu gehen. Das Thema Geldfasten tritt in den Hintergrund. Andere Fragen und Themen wie der Coronavirus und die Weltwirtschaft nehmen sich fast unbemerkt ihren Raum. Dies vielleicht, weil einfach überall Geld involviert ist. Hinzu kommt, dass durch all die Massnahmen rund um Corona nun plötzlich vieles ganz anders ist, als ich es noch vor ein paar Wochen dachte. Die Angst vor Krankheit und Tod scheint ganz plötzlich viel relevanter, als der Erhalt unserer Geldflüsse und der Wirtschaft. 

Vieles, was ich längst geahnt hatte, wird immer mehr durch Selbstbeobachtung und Erkenntnisse bestätigt. Mein ganz persönliches Verhältnis zum Geld, mein Umgang mit Geld bestimmt fast unmerklich mein gesamtes Leben und damit beeinflusse ich auch das Leben von anderen. Meine Geldentscheidungen führen an anderen Stellen in der Welt zu verschmutzten Flüssen, zu Hunger und Leid.

Und was haben die Bäume damit zu tun?

Ich lese gerade das Buch «Die geheime Sprache der Bäume» von Erwin Thoma. Im Januar 2020 hatte ich das Glück, mit ihm ein paar Tage verbringen und seine Weisheit und sein Engagement für unsere Natur und die Bäume erleben zu dürfen. Über den Nutzen von Bäumen und den achtsamen Umgang mit ihnen möchte ich hier gar nicht schreiben. Hierzu kann sich jeder bei Erwin ThomaErnst Zürcher aber auch der mittels des Films «Das Geheimnis der Bäume» von Luc Jacquet und vielen anderen Quellen selber ein Bild machen.

Für mich ist ein Absatz aus dem Buch von Erwin Thoma besonders Augen öffnend gewesen und hat bei mir sehr viel ausgelöst:

Die Bäume verfügen über eine natürliche Intelligenz, welche sie in jedem Moment anwenden, um perfekt auf die äusseren Bedingungen zu reagieren. Bei Sturm werden mehr starke Zellen und Strukturen auf der Seite des Baumes erschaffen, wo der Druck am grössten ist. Bei Trockenheit wird mehr Wasser gespeichert, die Versorgung von nicht lebensnotwendigen Teilen des Baumes wird reduziert.

Ein Baum lebt in einem vollständigen Kreislauf – vom Erschaffen bis zum Vergehen. Alles wird genutzt, sogar die Asche vom Holz, welche beim Feuern unserer Öfen entsteht, kann uns als hochwertiger Dünger dienen.

Diesem Bild hat Erwin Thoma die Tätigkeit eines Statikers gegenübergestellt, der ein Haus, eine Brücke oder etwas anderes Langlebiges bauen soll. Der Statiker, die Statikerin muss schon vorher alles berechnen, für alle Eventualitäten Vorbereitungen treffen.

Der mögliche Sturm, das Wasser und alle weiteren Ausseneinflüsse müssen berechnet sein.

Schnell wird mir klar, dass wir in vielen Situationen, in welchen es um unsere Sicherheit geht, besonders im Umgang mit Geld, wie Statikerinnen handeln anstatt uns die intelligenten und lernfähigen Bäume als Beispiel zu nehmen.

Was wäre, wenn wir mit unseren Geldentscheidungen ähnlich situativ umgehen würden, wie die Bäume mit den Situationen, die von aussen an sie herangetragen werden? 

Geld ist ein Gut, welches aufgrund der Eigenschaften wunderbar situativ genutzt werden könnte. Wie die Säfte des Baumes, sollte es im stetigen Fluss sein, um genau dort zu den Menschen zu gelangen, wo es gerade benötigt wird. 

Mein Verzicht auf Geld ist ein Gewinn für eine andere Person an einer anderen Stelle. Aber nur, wenn das Geld im Fluss ist. 

Wenn ich weniger für mich ausgebe, kann jemand anderes den übrigen Betrag nutzen. Wenn ich weniger arbeite, ist im Unternehmen Geld vorhanden, um eine weitere Person einzustellen. Eine Bedingung dafür ist, dass das Geld stetig und bedarfsorientiert fliesst, wie das Wasser und die Nährstoffe im Baum.

Jetzt könnte natürlich der Einwurf kommen, dass die Menschen, die das Geld bekommen, damit etwas machen, was ich mir nicht wünsche. Dann würde mein Fasten einfach nur dazu führen, dass jemand anderes die Billig-Jeans, das Wegwerfprodukt kauft oder eine andere Konsumentscheidung trifft, die ich selber nie treffen würde.

Theoretisch kann das sein, aber hier ist die Selbstverantwortung gefragt. Wieder gibt es eine Parallele zum Baum: Im Baum gibt es keine zentrale Schaltstelle, jede Zelle arbeitet eigenverantwortlich. Der Nutzen des Ganzen, liegt im ureigenen Interesse aller Bestandteile des Baumes.

Ich entscheide, wohin ich das Geld gebe, welches ich selber nicht brauche. Ich habe persönlich schon vielen Menschen mit ganz kleinen Beträgen unterstützt, welche in ihrem Feld eine grosse Wirkung erzielt haben. Und ich durfte sogar grössere Beträge verwenden, um Startups für einen guten Zweck zu unterstützen. Die moderne Technik unterstützt uns hier, das zu fördern, was wir ganz persönlich unterstützen wollen (KIVAWemakeitGebana: Bauern suchen Kunden und viele mehr).

Die Ausrede «Ich weiss nicht, wohin mein Geld geht» zählt nicht mehr. Um in meinem ganz eigenen Feld zu bleiben: Die verantwortungsvollen Banken wie ABSFreie GemeinschaftsbankGLS oder auch die Global Alliance for Banking on Values und die FEBEA leisten hier einen wirkungsvollen Beitrag.

Geldfasten kann aber auch heissen, weniger arbeiten. Stimmt hier das Argument, dass ich fremdbestimmt bin und damit nicht selber und situativ über meine Geldflüsse entscheiden kann? Nein, keiner zwingt mich bei einem Arbeitgeber zu arbeiten, der zwar hohe Gehälter bezahlt, aber dies auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit tut. Und auch im Job selber habe ich Spielraum. Ich selber arbeite derzeit im Jobsharing und hoffe, dass dieses auch anderen zur Inspiration dient. Jeder und jede von uns befindet sich in ganz unterschiedlichen Lebens- und Berufssituationen und wie bei einem Baum sind auch die Aussenbedingungen bei uns ganz individuell. Daraus folgt, dass es kein Patentrezept gibt, welches bei allen Menschen anwendbar wäre. Das heisst aber auch, dass wir die Chance haben, ganz individuell und auf uns persönlich zugeschnittene Entscheidungen zu treffen. 

Die Bäume lehren uns ein Reagieren auf Ausseneinflüsse aus der Situation heraus und ähnlich stelle ich mir ein gutes Verhältnis zum Geld und den Einnahmen und Ausgaben vor.

Das Geld ist unser ganz persönliches Werkzeug, es den Bäumen nachzumachen.

Für das Entstehen eines manchmal bis zu 50 Meter hohen Baumes braucht es einen geschützten Platz, Sonnenlicht, Humus, Wasser und einen nur Millimeter grossen Samen – mehr nicht.

Der Gedanke als Mensch von den Bäumen zu lernen, wäre es Wert, weiterverfolgt zu werden. Doch führt dieser zu weit weg vom Geldfasten, daher lasse ich ihn ziehen.

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Du wirst sterben

«Wir haben nun als Gesellschaft die grosse Chance, ein neues «Normal» zu definieren …» schreibt Melanie Gajowski in ihrem letzten Blogbeitrag. Ich frage: was braucht es, damit dies geschehen kann? Schon häufen sich ja die politischen Stimmen, die eine möglichst schnelle Rückkehr zur Normalität fordern. Und ich denke, dass diese Stimmen jetzt lauter werden. Könnte es sein, dass optimistische Einschätzungen wie die von Matthias Horx sich nicht bewahrheiten werden?

Gestern habe ich lange mit einem Freund gesprochen. Es ging um die Frage, warum durch dieses Virus so einschneidende Beschränkungen in unserer Mobilitäts- und Konsumfreiheit möglich wurden. Einschränkungen, die in ähnlicher Weise in Zusammenhang mit der Klimakrise gefordert, aber kaum akzeptiert werden. Warum ist die Reaktion so unterschiedlich? Im Gespräch mit meinem Freund fiel bald das Wort Todesvergessenheit. Oder gar Todesverdrängung und in diesem Zusammenhang eine Fixierung auf die Gesundheit. Ich erzählte ihm zwei Erinnerungen, die mir dabei durch den Kopf gingen. Kürzlich, nach einem längeren Telefongespräch mit meiner Mutter, die im Altersheim keine Besuche mehr empfangen kann, fragte ich sie, ob sie Angst habe vor Corona. Sie verneinte ganz klar mit den Worten: „wir sind doch hier um zu sterben“. Ich empfand diesen Satz meiner Mutter als gesunde Reaktion. Das «Wir» in dieser Aussage, empfand ich zwar als schwierig. Solche Sätze über andere zu äussern ist hochproblematisch. Aber als Aussage meiner Mutter über sich selber wirkte der Satz gesund auf mich.
Und dann die zweite Erinnerung: Schon seit längerem habe ich jeweils ein ungutes Gefühl, wenn Menschen an Neujahr oder zum Geburtstag ihre Glückwünsche äussern: gute Gesundheit, vor allem dies, das ist das Wichtigste! So oder ähnlich tönt es jeweils und etwas in mir widerspricht. Wünscht euch nicht gute Gesundheit, sondern wünscht euch, dass ihr gut umgehen könnt, was auch immer an Gesundheit und Krankheit kommt.

Ich bin fest überzeugt, dass wir einen angstfreieren Umgang mit dem Tod lernen müssen, damit ein neues «Normal» entstehen kann. Denn genau das ist es: es ist normal, dass wir krank werden, an Grenzen stossen, sterben. Umso mehr sind wir aufeinander angewiesen, damit wir Leid und Trauer und Angst gemeinsam bewältigen können. Unsere Selbstoptimierungsgesellschaft bereitet uns überhaupt nicht vor auf diese wesentlichen Erfahrungen des Lebens und lässt uns allein zurück. Ein Bild dafür sind all die Menschen, die jetzt ohne Besuche allein in den Quarantänen und Intensivstationen sterben, weil sie keine Besuche mehr empfangen dürfen.

Und da erinnere ich mich auch an die Weisheiten von früheren Kulturen, die noch unmittelbarer in den Kreisläufen von Werden und Vergehen lebten. Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr beschrieb fünf Schlüsselerfahrungen auf dem Weg zu einem intensiven Mensch-Sein, die in alten Kulturen durch Unterweisung und Rituale eingeübt wurden. Sie lauten:

1. Das Leben ist schwer.

2. Du bist nicht so wichtig.

3. In deinem Leben geht es nicht um dich.

4. Du hast nicht die Kontrolle.

5. Du wirst sterben.

Ich denke, wir brauchen auch wieder das Einüben dieser ganz normalen Lebenserfahrungen, die unser Leben genauso wie die freudvollen prägen und denen wir sonst so unvorbereitet ausgesetzt sind. Im neunen «Normal» brauchen meiner Ansicht nach diese Erfahrungen wieder mehr Raum.

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Ich weiss, dass ich nicht weiss…

Ein Beitrag von Melanie Gajowski

Dieses Zitat findet sich bei Platon und wird Sokrates zugeschrieben.

Ganz kurz und subjektiv zusammengefasst geht es für mich in diesem Zitat darum, zu erkennen, dass vieles von unserem vermeintlichen Wissen Scheinwissen ist. 

Wir glauben zu wissen und doch kennen wir häufig nur einen Teil der Fakten, ein Puzzlestück, einen Ausschnitt, herausgerissen aus dem Gesamtkontext. Und daraus bildet sich dann unser Scheinwissen. Haben wir dieses für uns erkannt, ist der erste Schritt getan und wir können uns bewusst damit beschäftigen, dass wir nicht wissen. Dieses Beschäftigen mit dem Nichtwissen und vor allen Dingen das Frieden schliessen mit dem Nichtwissen ist es, was uns erlaubt zur Ruhe zu kommen. Dazu braucht es die Erkenntnis, dass Nichtwissen nicht mit Handlungsunfähigkeit gleichzusetzen ist – im Gegenteil. Das Nichtwissen befähigt uns aus meiner Sicht erst dazu, weise zu handeln. Im Nichtwissen gestehen wir ein, dass wir die Lösung für ein Problem nicht kennen und bauen auf unsere Erfahrungen und Fähigkeiten, um eine neue Lösung zu entwickeln, weil alle Versuche, einfach die alten Lösungen über das Problem zu stülpen, gescheitert sind.

Damit bin ich wieder bei meiner Hauptabsicht, bei dem Hauptgrund, warum ich faste. Ich faste um meinen körperlichen Funktionen, meinen Gedanken und Handlungen einen Neustart zu ermöglichen. Nach dem Fasten kann ich Gewohnheiten überprüfen und ändern, die sich vorher unbewusst eingespielt haben.

Eine Woche ist es bereits her, seitdem ich das Fasten gebrochen habe und wieder Nahrung zu mir nehme. Seit meinem Geburtstag habe ich keinen Blogbeitrag mehr begonnen und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. 

Zum einen haben mich verständlicher Weise die Massnahmen des Bundesrates vom 20. März beruflich sehr beschäftigt, zum anderen brauchte ich auch meine eigene Zeit, mich dieser neuen Situation anzunähern, meinen eigenen Rhythmus und meinen eigenen Platz in dieser Situation zu finden. Mein Ziel war und ist es, die guten Impulse des Fastens und all mein Lernen in dieser Zeit mitzunehmen und anzuwenden – in dieser Zeit, die gerade neu beginnt, weil die alte so plötzlich geendet hat.

Zum dritten werden derzeit so viele Worte zur Coronakrise gesagt und geschrieben, so viele Wahrheiten und Fakten verbreitet, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, auch noch dazu beizutragen.


Ich weiss, dass ich nicht weiss…

Ich habe keine Ahnung, ob die getroffenen Massnahmen die richtigen sind, ob die Zahlen stimmen. Ich kann nicht beurteilen, welche medizinische Aussage zum Krisenverlauf der Wahrheit am nächsten kommt.

Ich weiss, wie es sich anfühlt, kranke Menschen zu begleiten, die mir und meinen Herzen sehr nahe sind. Ich weiss, was es heisst, sich von Menschen zu verabschieden, die gefühlt viel zu früh sterben. Am letzten Sonntag ist jemand aus meinem Umfeld im Alter von 53 Jahren gestorben, nicht am Coronavirus und auch nicht völlig unerwartet, aber viel zu früh. Diese Person wird eine Lücke hinterlassen. Diese Person wird vielen Menschen fehlen. 

Ich weiss also, welche Schmerzen für mich mit dem Tod von Menschen, mit dem Akzeptieren von Situationen, die ich nicht ändern kann, verbunden sind.

Mein Mitgefühl ist mit all jenen Menschen, die auf die unterschiedlichste Weise von der Coronakrise durch Krankheit, Tod, Jobverlust, Unsicherheit oder anderen Ängsten betroffen sind. Jeder und jede von uns wird jetzt auf ganz unterschiedliche Weise mit den eigenen Ängsten und Sorgen konfrontiert.

Unbewusst ist uns allen bereits jetzt klar, ein Zurück zum Normalzustand wird es nicht geben. Denn der Normalzustand, war gar keiner. 

Es war ein Autopilot, der uns erst hierhin gebracht hat. Immer mehr Konsum, immer mehr Stress, massloses Leben und Handeln hat unseren Alltag bestimmt. Wir nehmen chemisch bearbeitete und industriell verarbeitete Nahrung zu uns, die nicht mehr nährt und erschaffen uns damit ein Immunsystem, welches uns nicht mehr schützt und sich mit Anfälligkeiten für Krankheiten oder auch durch Autoimmunkrankheiten bemerkbar macht. Es gibt wahrscheinlich nicht die eine Ursache für die Krise, in der wir vor der Coronakrise bereits gesteckt haben, es ist ein Cocktail an Ursachen, welcher dazu geführt hat.

Wir haben nun als Gesellschaft die grosse Chance, ein neues «Normal» zu definieren, eines welches die Würde von Mensch, Natur und Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt ( siehe meinen letzten Beitrag «Was hat Würde mit Fasten zu tun» ).

Meine kommenden Beiträge werden von diesen Chancen handeln. Und vor allen Dingen werden sie vom Nichtwissen handeln und davon, dass das Nichtwissen uns zur notwendigen Weisheit führen wird, aus dieser Krise zu lernen.

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